Rauchersalon

Forum für Steampunk, Dieselpunk und Neo-Victorian

... geschrieben für den Ausklang des Eröffnungsabends in der „Villa Nostalgica“ am 11.09.2015

Einführung (gelesen im Treppenhause)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde,

womöglich schon bei der Vorbereitung Ihrer Reise hierher in den Harz, gewiss aber spätestens bei der Anreise nach Clausthal-Zellerfeld wird sicherlich den meisten unter Ihnen der Gedanke gekommen sein, dass dieses Revier - und ganz besonders eben Clausthal-Zellerfeld -  zu einiger Bekanntheit (wenn nicht gar Berühmtheit) gelangt ist aufgrund der langen Tradition, auf die der hiesige Erzbergbau nicht ohne Stolz zurückblicken darf. Im Grunde bereits seit dem Hoch-Mittelalter wurden in dieser Gegend vornehmlich Silber-, aber auch Kupfer-, Blei- und Eisenerze unter härtesten Bedingungen mühsam der Erde abgerungen. Was zunächst ausschließlich im Tagebau oberirdisch an Erzen geschürft wurde, war einigermaßen rasch abgetragen worden und die weitere Gewinnung metallhaltigen Rohstoffes zwang die Menschen, immer tiefer reichende Stollen anzulegen und das Erz gewissermaßen im Innern der Felsen mit Muskelkraft aus den Gesteinsmassen heraus zu brechen. So hatten am Beginn des 19.Jahrhunderts die meisten Gruben eine Täufe – also Tiefe – von 500 – 600 Metern erreicht.  

Zu dieser Zeit noch erreichten die Bergleute ihre Arbeitsplätze am Grunde der Gruben nur mittels zahlreicher hölzerner Leitern, so wie wir sie alle heute noch kennen. Die Leitern wurden seitens der Bergknechte und Steiger „Fahrten“ genannt. Die Anfahrt, also der Abstieg nach unten, dauerte dabei nicht selten schon mehr als eine Stunde, der Rückweg nach oben oft mindestens die doppelte Zeit und naturgemäß ein Vielfaches an Anstrengung, wobei den Bergleuten ausschließlich die Zeit vor Ort bezahlt wurde. Sie werden sich gewiss mühelos vorstellen können, dass eine wie auch immer geartete Erleichterung dieser Mühsal sowohl den Bergleuten selbst, als auch den damaligen Kapitaleignern mit Interesse  an Produktivitätssteigerung  mehr als willkommen gewesen sein musste. Wer jedoch jetzt an Fördertürme und lange Stahlseile auf Haspeln denkt, wie wir sie z.B. aus dem Ruhrgebiet kennen, der irrt. Das Stahlseil wurde erst ca.1880 erfunden, erprobt und zum Einsatz gebracht, dies jedoch ebenfalls ursprünglich hier im Harz.

Im Jahre 1833 bereits beobachtete der Steiger Georg Dörell, dass sich der Bergknecht Lichtenberg in die beiden auf- und niedergehenden Antriebsbalken der Entwässerungspumpe Nägel eingeschlagen hatte und sich mittels geschickten Umgreifens der Nägel durch die Bewegung des Pumpengestänges mit nach oben ziehen ließ. Dörell entwickelte diese Idee weiter, ersetzte die einfachen Nägel durch Trittstufen und ersann einen Antrieb der senkrechten Gestänge mittels eines Wasserrades und weiterer waagerechter Gestänge außerhalb des Schachtes. Mit der so konstruierten sogenannten „Fahrkunst“ war es fürderhin den Bergwerkern möglich binnen fünf Minuten ca. 100 Höhenmeter zu überwinden – und dies abwärts wie aufwärts. Sie mussten dazu lediglich jeweils im richtigen Moment, nämlich dann, wenn die aktuelle Bewegungsrichtung der Balken zum Stehen kam und bevor die Gegenbewegung startete, von einem Trittbrett auf ein gerade benachbartes Brett umsteigen, welches seinerseits am Gegenbalken befestigt war.

In dieser Zeit – Mitte des 19.Jahrhunderts, und im Milieu des Oberharzer Erzbergbaus - spielt eine kleine Geschichte, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Wir können zwar – um der Geschichte einen sinnlich wahrnehmbaren Hintergrund zu verleihen - hier im Hildesheimer Haus leider nicht wirklich „anfahren“, aber wir könnten zumindest unter das Erdboden-Niveau hinab in die alte Keller-Küche steigen, worum ich Sie jetzt herzlich bitten möchte.

 

 

 

Die Erscheinung (gelesen bei Kerzenlicht in der alten Kellerküche)

Rund eine Generation, bevor mit der Planung und dem Bau des Hauses, in dem wir hier heute zu Gast sein dürfen, begonnen wurde, aber bereits ein paar Jahre nach dem Kriege, in dessen Folge der gesamte Landstrich an Preußen gefallen war, wohnte in einem kleinen, ärmlichen Häuschen auf diesem Grund und Boden ein alter Köhler und seine Frau. Sie genossen – tägliche harte Arbeit verrichtend – ein bescheidenes Auskommen, denn die Verhüttung des Erzes, welches überall im Umlande dem Felsen abgetrotzt wurde, verlangte nach großen Mengen an Holzkohle. Bei dem alten Paare wohnte zu dieser Zeit auch ihre kleine Enkeltochter Margarete, welche liebevoll Gretchen gerufen wurde und die der Sonnenschein ihrer Großeltern war. Gretchens Mutter Marie – die Schwiegertochter der Köhlersleute – war im Wochenbett gestorben, und Karl – Gretchens Vater und einziger Sohn der Alten hatte eine Arbeit als Bergknecht in der Grube Rosenhof gefunden, westlich der Gemeinde Clausthal gelegen.

Meistens verbrachte Karl die Nächte der Wochentage bei seiner Tante und seinem Onkel in Clausthal, welche ihm eine winzige Kammer überlassen hatten, damit er in der Früh nicht einen so arg langen Weg zu seiner Arbeitsstelle zu laufen haben musste. Die Samstag-Abende jedoch und vor allem auch die Sonntage verbrachte der junge Witwer stets in seinem Elternhause mit seiner kleinen Tochter und seinen Altvorderen.

Genau so war es auch an diesem einen Sonntag im Spätsommer gewesen. Nach dem gemeinsamen Besuch des Gottesdienstes am Vormittag hatten sich Karl und Gretchen noch vor der Kirche verabschiedet und waren aufgebrochen, um an einer einsamen Stelle im Walde Brombeeren zu pflücken, welche Gretchens Großvater dort im Zuge seiner Arbeit entdeckt hatte. Das kleine Mädchen war sichtlich stolz, als es an der Hand des Vaters zerrend dem nahen Walde zustrebte, um jenem den rechten Weg zu weisen, wie er ihr zuvor vom Opa beschrieben worden war.

Es wurde ein ausgelassener und lustiger Ausflug, gerade so, wie Kinder überall auf der Welt es lieben. Gretchen hatte den Papa ganz für sich allein, und es war offenbar auch nicht so arg wichtig, wie viele Brombeeren die beiden mit heimbringen würden, denn – wie das Mädchen nicht ohne Überraschung bemerkte - ließ sich der Vater nur zu gern überreden, die Füße in einem Bache zu kühlen oder ganz still im Grase liegend die Nebelkrähen zu beobachten, die über Stoppelfelder strichen auf der Suche nach Schmackhaftem.

Was das Mädchen dabei nicht ahnen konnte: genau diesen Beschäftigungen waren sein Vater und seine Mutter, damals, als die beiden frisch verliebt waren, auch gerne und wiederholt nachgegangen. Allerdings wurde für die beiden Liebenden die Attraktivität der Nebelkrähen meistens sehr rasch verdrängt von anderen attraktiven Aussichten und Gefühlen – ein Umstand, dem Gretchen ihre weltliche Existenz verdankte und der Karl beim Anblick des roten Klatschmohns stets an Maries knallrotes Kleid denken ließ, welches wie eine Mohnblühte vom Wind ins Getreide geweht worden war …. Damals.

Erst am frühen Abend jedenfalls kehrten Vater und Tochter mit lächerlich spärlicher Beerenbeute heim, und nach einem deftigen Abendbrot brauchte die Großmutter Gretchen nicht – wie sonst üblich – beharrlich zu ermahnen, nun endlich zum Sprung in die Federn anzusetzen. Bei einem kurzen Nachtgebet gedachten der Vater und das bereits größtenteils unter ihrem Plumeau verschwundene Mädchen noch - wie immer an diesen Abenden - der Mama im Himmel, und kaum, dass Karl die Tür leise hinter sich geschlossen hatte, war die Kleine bereits im Brombeermarmeladenpfannkuchenland angekommen.

Nach einem nicht mehr sehr tiefschürfenden, kurzen Gespräch mit seiner Mutter und seinem Vater verabschiedete sich der stämmige Sohn, warf sich die abgetragene Wolljacke trotz der bereits empfindlichen Kühle der aufziehenden Nacht nur lose um die Schultern und strebte zügigen Schrittes – wohl auch in der Aussicht auf ein Glas Bier im Wirtshause – seiner wochentäglichen Wohnstatt zu.

Etwa auf halbem Wege dorthin – inzwischen beleuchtete nur noch eine schmale, abnehmende Mondsichel seinen Weg entlang der Felder am Waldrand entlang – hörte der einsame Wanderer, der wie eigentlich immer bei diesen sonntagabendlichen Märschen dem Gedanken nachhing, wie er es nur schaffen könne, wieder täglich und dauerhaft sein kleines Mädchen bei sich zu haben, plötzlich ein ungewöhnliches Geräusch. Ganz leise nur … Karl bleibt stehen und lauscht … nein, nichts, das Geräusch ist verschwunden.  Überzeugt, sich getäuscht zu haben, setzt er wieder Fuß vor Fuß, doch kaum, dass er fünf oder sechs Schritte getan hat, hört er es wieder. Erneut bleibt er wie angewurzelt stehen. Diesmal verschwindet das Geräusch nicht, wenngleich es nur leise und wie von weit entfernt irgendwo aus dem Walde zu kommen scheint. Ein Tier? Nein, jedenfalls keines, das er aus seinen heimischen Wäldern kennen würde.  Der Wind? Möglich, aber es weht nur eine ganz schwache Brise. Was sonst könnte diese langen, klagend und mitunter wimmernd klingenden Töne erzeugen? Weint da ein Kind?

Karl versucht angestrengt, die Richtung auszumachen, aus der die Töne zu ihm vordringen. Er verlässt den Wirtschaftsweg und tritt zwischen die Bäume … muss nach wenigen Schritten immer wieder stehen bleiben, da seine eigenen Trittgeräusche sein angestrengtes Lauschen stören … es scheint aus westlicher Richtung zu kommen, Karl hält darauf zu, feuchte Zweige streifen sein Gesicht, Spinnweben verfangen sich in seinen Haaren. Dies alles nimmt er nicht wahr, konzentriert sich nur auf sein Gehör und korrigiert nach jedem erneuten atemlosen Lauschen seine Richtung. Und tatsächlich: allmählich werden die Töne lauter, unterscheidbarer, stimmlicher … da singt eine Frau … unglaublich, fast mitten in der Nacht.

„Ganz leise jetzt“ flüstert sich der kräftige und in der Regel nicht ängstliche Bergmann selber zu. „vorsichtig weiter – da stimmt was nicht!“ Sehr behutsam setzt er Schritt vor Schritt und wenig später kann er erstmalig dem eigentümlichen Singsang Wortfetzen entnehmen: (gesungen im Falsett) “… war in Hübichs Raume … hörte der Zwerge Geraune …“

Karl traut seinen Ohren nicht; Hübich? Jeder Einwohner des Harzes kennt die Legende von Hübich, dem Zwergenkönig, der mit seinem Volk in den Hübichensteinen wohnen soll. Eine uralte Sage, die von Generation zu Generation weitergegeben wird; hatte er nicht selbst auch schon seinem Töchterchen Geschichten von Hübich und seinen Zwergen erzählt? Was soll das? Da! Da war sie wieder, die Stimme, und jetzt konnte Karl endlich alles verstehen:

„Ich war in Hübichs Raume

und hörte der Zwerge Geraune,

dass die modernde Fäule

vertriebe die Eule

vom vormals stärksten Baume“

 

Entrüstet über den hanebüchenen Inhalt des seltsamen Klageliedes und doch eigentümlich berührt von dessen inbrünstig-ergriffener Vortragsweise strebt Karl ein paar weitere Schritte vorwärts und wird unvermittelt zwischen den Bäumen einer Lichtung ansichtig. Die schmale Mondsichel hinter dünnen Wolkenschleiern beleuchtet fahllichtig und schummrig eine etwa kreisrunde Fläche von niedrigem Kräuter- und Grasbewuchs, in deren Mitte eine schlanke, junge Frau mit seitlich ausgestreckten Armen wie im Rausche tanzend sich langsam um sich selber dreht und mit anmutiger, lamentierender Stimme immer wieder die gleichen fünf Zeilen intoniert: „Ich war in Hübichs Raume …“

Als die geheimnisvolle Frau in ihrem einsamen Tanze dem zwischen den Bäumen am Rande verborgenen Beobachter erneut ihr Gesicht zuwendet, reißen die Wolkenschleier für einen kurzen Moment auf und Karl erkennt unvermittelt die langen, braunen, lockigen Haare und sieht das klatschmohnrote Kleid.

„Marie!“ Wie von Sinnen und mit der Kraft eines angeschossenen Keilers bricht der Mann aus dem Unterholz am Rande der Lichtung hervor. „Marie! Ich bin es – dein Karl … Marie … Marie!“

Für einen herzzerreißenden Augenblick nur hält die gespenstische Sängerin in ihrem Tanze inne und betrachtet den wie wahnsinnig sich gebärdenden Mann, der mit ausgestreckten Armen, wirrem Haar und weit aufgerissenen Augen auf sie zu gestürzt kommt. Ein sanftes, wissendes Lächeln umspielt ihre Züge, dann wendet sie sich ab und entschwindet, halb über dem Erdboden schwebend und scheinbar mühelos sich auch aufwärts in Richtung auf die Baumwipfel zubewegen  könnend, lautlos und anmutig aus Karls unmittelbarem Gesichtsfeld.

Karl strauchelt, stürzt, schlägt schmerzhaft mit dem Knie an einem Stein an, spürt den Schmerz jedoch gar nicht, sondern springt behände wieder auf und schreit aus Leibeskräften: „Marie! Bitte – ich bin‘s doch, Karl, dein Karl – bitte bleib doch hier, Marie! Wir brauchen dich doch so sehr, das Gretchen und ich – bitte Marie!“

Unter nicht nachlassendem bitten, rufen und betteln irrt Karl auf der Lichtung im Kreise umher, tritt zu verschiedenen Richtungen zurück in den Wald und versucht, die Frau im roten Kleide zu finden, denn er ist davon überzeugt, seine geliebte Marie wiedergefunden zu haben.

Noch stundenlang versuchte der vom Trugbilde gepeinigte, verzweifelte Witwer, seine viel zu früh dahingegangene, junge Frau wieder zu finden, bis er am Ende - bar jeder Kraft und mit versiegender, heiserer Stimme - weinend zusammenbrach und in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf sank.

Als Karl wieder erwachte, frierend und feucht vom morgendlichen Tau, blinzelte er in die frühe Sonne des neuen Tages. Nach einem Moment des Sich-sammelns wurde ihm klar, dass er eigentlich schon seit kurz nach Sonnenaufgang bei seinem Arbeitsplatze erwartet wurde. Erschrocken sprang er auf, untersuchte nur kurz sein höllisch schmerzendes Knie und fand nach einer Weile nicht ohne Mühe den Weg zurück und hinaus aus dem Walde.

Der Weg zum Schacht Rosenhof war nicht mehr weit, doch als er – zerschunden und keuchend - endlich dort ankam, stürzte schon am Tore eine Gruppe seiner Arbeitskollegen auf ihn zu und berichtete sichtlich bestürzt, dass in den frühen Morgenstunden ein morscher Balken der Fahrkunst gebrochen sei und elf Kameraden mit in die Tiefe gerissen worden waren und dabei ausnahmslos zu Tode gekommen seien.

Und dieser Unfall, meine lieben Freunde, hat sich im Jahre 1878 auf der Schachtanlage Rosenhof – unweit von hier – tatsächlich zugetragen.

(Remington Brass)

Tags: Remington_Brass, Spukgeschichte, Villa_Nostalgica

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Und wenn man die Geschichte erst einmal, im dunklen Kellerloche, selbst erfahren hat, ist sie noch mal schöner. Besonders da sie nicht einfach nur gelesen, sondern gelebt und erlebt wurde. 

Vielen Dank dafür Remington. 

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