Rauchersalon

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Zeitreisen Kahlenberg läd ein - Sprengt die Ketten der Zeit



Zeitreisen Kahlenberg läd ein

 

Kritisch betrachtet Mareanne das etwas schäbig wirkende Haus mit dem auffällig neuen Messingschild neben der Tür. Das Schild bestätigt ihr, dass sie sich bei der richtigen Adresse befindet.

Firma Franz Kahlenberg, Zeitreiseexpedition und Forschungsreisen aller Art.  

 

Geistesabwesend streicht die junge Frau zuerst durch ihr Haar und dann das grüne Reisekleid glatt. Was um Gotteswillen hat sie nur dazu bewogen,  auf diese irrsinnige Anzeigt zu antworten und nun auch noch hier her zu kommen. Nun ja, nun war sie schon einmal hier und hatte es gegen die Einwände der Mutter einmal mehr geschafft sich durchzusetzen. Das allein schon war Grund genug, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Nicht auszudenken, wenn sie nun, an der Schwelle umkehren und zu ihrer Mutter gehen würde. Nur um ihr einzugestehen, dass die Idee, sich an einer Zeitreiseexpedition zu beteiligen, wohl doch kein so brillanter Einfall gewesen war, wie sie es in stundenlangen Debatten am heimischen Esstisch proklamiert hatte.  Undenkbar!

Nein, sie hatte sich dafür entschieden und sie würde zu dieser Entscheidung stehen. Bisher hatten sie all die kleinen und großen Forschungsreisen, die sie in Laufe ihrer Studien und auch nach ihrem Examen ihrem eigentlichen Ziel kaum näher bringen können. Vielleicht würde sie nicht im Raum, sondern in der Zeit, die letzen entscheidenden Bausteine für die erfolgreiche Synthetisierung seltener Bioplasmide finden.

 

Wie stand es in der Anzeige?

 

Aufruf an alle forschenden Geister. Sie sind es leid an ihre eigene Zeit, an die Unzulänglichkeiten der Gegenwart gebunden zu sein? Das muss nicht so bleiben! Der Firma Kahlenberg ist es gelungen, eine Methode zu entwickeln den Fesseln der Zeit abzustreifen, das lineare Konstrukt des Verlaufes zu verändern. Mit Hilfe einer sensationell neuen Methode sind Reisende in der Lange nicht nur Meilen sondern Jahrhunderte an sich vorbeiziehen zu lassen. Und SIE haben die einzigartige Möglichkeit, die Ersten zu sein, die ihre Zeit verlassen und in neue Gefilde auf zu brechen. Wir sind uns unser Verantwortung bewusst, und suchen nach jungen forschenden, abenteuerlustigen Geistern, die unsere Ideale teilen und mit Erkenntnissen aus Vergangenheit und Zukunft die Gegenwart bereichern.

 

Was auch immer die Ideale der Firma sein würden… ihre Ideale und Prioritäten waren ihr klar und sicher zum Nutzen für die gesamte Menschheit! Es wurde Zeit! Kurz lacht Mareanne auf,  bei den gedachten worden. Ja es wurde Zeit, die Zeit zu überbrücken. Ein höfliches, elegantes Lächeln auf den Lippen greift Mareanne nach ihrer Aktentasche und drückt den Klingelknopf neben den polierten Messingschild.

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Mit gemischen Gefühlen wartete die junge Wissenschaftlerin bis sich die Türe mit Schwung öffnete. In der Türöffnung erscheint eine kleine nervös wirkende Frau unbestimmten Alters. Die wässrig blauen Augen musterten Mareanne hinter dicken Brillengläsern. Diese betrachtet die strenggekleidete Person ebenso skeptisch.

 

„Guten Tag, Rosenstock, Mareanne Rosenstock. Ich bin bei Herrn Kahlenberg angemeldet.“

 

Wie zum Beweis wedelte sie mit dem Zeitungsausschnitt und betrachtet die Sekretärin mit durchdringenden grünen Augen. Deren Gesichtsausdruck ändert sich bei Erwähnung des Names sofort von Abwehrend zu Freundlich und tritt zurück um Mareanne einzulassen.

 

„Ja natürlich Fräulein Rosenstock. Kommen Sie herrein. Herr Kahlenberg erwartet Sie.“

 

Die Stimme der Sekretärin klang schrill und ihre Bewegungen wirkten fahrig, was Mareanne sowohl ein Stirnrunzeln entlockte und sie zugleich amüsierte. Sie folgte der kleineren Frau in das Halbdunkel des Flurs. Dringen empfing sie leichter Muff und das Ticken von hunderten Uhren. Die Wände waren übersät mit einer Unmengen unterschiedlich großer Uhren. Einige davon wirkten sehr alt und teuer andere wiederum sahen aus, wie frisch von der Manufaktur. Ausnahmslos alle schienen zu funktionieren und erweckte bei einem Besucher das unangenehme Gefühl der Vergänglichkeit. Das Ticken war fast ohrenbetäubend. An einem besonders ungewöhnlich Exponat blieb Mareanne stehen und betrachtet die monströse Wanduhr. Das Gehäuse bestand aus einer Ansammlung verschiedener grimassierender Fabelwesen, die sich um das kunstvoll bemalte Ziffernblatt räkelten. Die junge Frau kann nicht anders, als die Hand auszustrecken und über das dunkle Holz zu fahren. Die Zähne eines Löwenkopfes fühlten sich besorgniserregend spitz und seltsam echt an.

 

„Erstaunliche Handwerkskunst, nichtwahr Fräulein Rosenstock“

 

Unweigerlich zuckte Mareanne zusammen und zog die Hand wie ein ertapptes Kind zurück, dass man beim Stibitzen einer Süßigkeit erwischt wurde. Sie drehte sich zu dem Besitzer der tiefen, wohltönenden Stimme um, nur um erneut vor Schreck zusammenzufahren. Vor ihr stand der wohl größte Mann, den sie je gesehen hatte. Er überragte sie um mehr als zwei Haupteslängen und sein kolossaler Körper schien den ganzen Flur einzunehmen. Das breite Kreuz verdeckte den Kronleuchter, so dass dien Mann in erstem Moment nur als Schatten wahrnehmen konnte, was ihn noch unheimlicher erschienen lies. Als Kahlenberg das verdutzte Gesicht der jungen Frau sah, begann dieser unweigerlich zu lachen. Ein tiefes, freundlich Lachen, welches sofort die Spannung in Mareannes Muskeln löste und  zu einer gewissen Sympathie dem Mann gegenüber führte.

 

„Entschuldigen Sie, Fräulein Rosenstock, ich wollte Sie keinesfalls erschrecken. Kahlenberg, Franz Kahlenberg. Ihr zukünftiger Auftraggeber, wie ich hoffe. Sehr erfreut sie kennenzulernen.“

 

Mit einer kleinen Verbeugung stellte er sich vor, wodurch nun wieder das Licht der Deckenlampe auf sein Gesicht fallen konnte und das breite Antlitz eines etwa vierzigjährigen Mannes mit klugen kleinen Augen, die immer noch vor Belustigung zu funkel schienen.

 

„Kommen Sie, ich führe Sie in mein Büro, da unterhält es sich besser, wie hier auf dem Flur“

 

Er jetzt erlangte Mareanne ihre Fassung wieder und erwachte aus ihrer Erstarrung.

 

„Herr Kahlenberg, sehr erfreut sie kennen zu lernen. Eine äußerst imposante Sammlung in der Tat. Was bewegt Sie dazu so unendlich viele Uhren zu sammeln. Ich dachte Sie wollten die Zeit überwinden.“

 

Die Frage war durchaus ernst gemeint, selbst wenn sie in einen schwachen koketten Scherz verpackt wurde, welche von dem Firmenbesitzer wiederum mit einem freundlichen Lachen quittiert wurde. Er setzt zu einer Erklärung an, während er sie durch den Gang weiter zu seinem Büro führt.

 

„Nun Fräulein, sagen wir es so… man muss seinen Feind genau kennen, um ihn besiegen zu können. Abgesehen davon bewundere ich zum einen die technische Raffinesse der Chronometer, wie auch die kunstvolle Ausgestaltung der Gehäuse. Sie könnten meine Sammlung also ruhig als eine Art Tick bezeichnen.“

 

Nun war es an Mareanne den Wortwitz mit einem höflichen Lachen zu beantworten.

Der selbe Tag, ein anderer Stadtteil. Seit früh am Morgen ist Daniel Walter auf den Beinen, denn es gibt viel zu tun. Es liegt was in der Luft, es herrscht Aufbruchstimmung.

Eilig schüttet er den lauwarmen Espresso, den er ihn in der Küche fast vergessen hatte, in seine trockene Kehle. Er hasst Stress und sucht hektisch seine Taschenuhr. Verflixt. Auf dem Tisch liegt die alte Zeitung samt Schere und Loch. Nicht irgendeine Anzeige fehlt da nun, vielleicht kann dieses Stück Papier alles zum Besseren wenden. Er faltet es und stecke es sorgsam in seine Brieftasche.

Der große Kater schleicht ihm um die Beine und will Aufmerksamkeit, die Gedanken sind woanders.

 

"Zum Besseren wenden" murmelt er, "zum Besseren..."

 

Es ist schon eine Weile her, dass Frohsinn die Hinterhauswohnung neben der kleinen Gärtnerei erfüllte. Zuviel ist in der Vergangenheit passiert. Egal, die Zeit drängt.

 

"Die Zeit, immer dieser Ärger mit der Zeit" denkt Daniel sich.

"Mal nehmen die Dinge viel zu schnell ihren Lauf, mal scheint der Sekundenzeiger mit Gewalt festgeschraubt. Furchtbar." 

Er schließt die Tür und eilt die hölzerne Treppe hinunter.

 

Eine Stunde später ist er am Ziel und schließt sein Fahrrad vor dem Haus Kahlenberg an einer Laterne an. Noch einmal tief durchgeatmet, dann klingelt er.

War der Flur schon beeindruckend genug, so überwältigte die Ausstattung des großen Büros die junge Wissenschaftlerin dermaßen, dass sie am der Tür stehen blieb, als wäre sie gegen eine Wand gerannt. Der Raum besaß so gewaltige Ausmaße, das die inposante Figur von Kahlenberg darin fast winzig wirkte. Die Außenabmessungen des Hauses standen in keinem Verhältnis zu der Größe des Büros. Mareanne fragte sich, wie dies möglich sein konnte, und blickte sich um. Zwei Wände waren bis zur Decke- die sich etwa vier Meter weiter oben befand- mit Bücherregalen zugestellt. Die Regalböden bogen sich unter der Last hunderter schwerer Folianten. Einige davon sahen aus, als wären sie mehrere hundert Jahre alt, wirkten aber seltsam neu. Waren das Artefakte von vorhergegangenen Zeitreisen, oder nur gute Replike? Mareanne musste sich an sich halten, um nicht mit den Fingerspitzen über die ledernen weichen Buchrücken zu fahren.

Die Wand hinter den monumentalen dunklen Eichenholzschreibtisch war eine Fortsetzung der Uhrenausstellung aus dem Flur, nur dass sich hier ganz offensichtlich die teuersten und inposantesten Stücke der Sammlung befanden. Besonders beeindrucken hierbei empfand die junge Frau eine kupferne Kugeluhr, die ein beständigen Klick,Klick,Klack der im Gehäuse rollenden Kugeln von sich gab.

Die vierte Wand allerdings war mit einem schweren roten Teppich verhangen, der den Anschein erweckte, als würde sich eben dort ein ganz besonderer Schatz oder eine Geheimtür verbergen.

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit erwachte Mareanne aus ihrer Faszination und blickt den Geschäftsführer entschuldigend an.

 

"Verzeihen Sie, aber, ich muss gestehen, ich bin beeindruckt, mit so einem Büro habe ich nicht gerechnet."

 

Ihre Aussage umfaste gleichzeitig die Ausstattung wie die Ausmaße des Raumes. 

 

"Nun Fräulein Rosenstock, es freut mich dass es Ihnen gefällt. Kommen Sie und setzen Sie sich. Klara kommt sicher gleich mit Tee und einer kleinen Stärkung. Bei einer guten Tasse Earl Gray spricht es sich doch gleich viel angenehmer über Geschäftliches habe ich nicht recht?"

 

Mareanne stimmte Kahlenberg zu und lies sich von ihm zu einer Sitzgruppe in einer Ecke des Raumes führen, die sich genau zwischen den beiden Bücherregalen befand.

 

Kaum hatten Mareanne und ihr Gastgeber Platz genommen, trippelte die nervöse Sekretärin herbei und stellt ein Tablett mit einer Kanne Tee, zwei Tasten und einer Etage mit verschiedenen Gebäckstücken auf den kleinen Tisch. Sie schenkte den beiden ein und war schon auf den weg hinaus, als es erneut an der Haustür leutete. Klara eilte hinaus, um den neuen Gast zu öffnen, während Mareanne fragend zu den Riesen hinüber sieht.

 

"Sie erwarten noch weitere Gäste oder soll ich lieber sagen, Anwärter?"

 

"Nun Fräulein Rosenstock, Ihre Fähigkeiten in allen Ehren, so verstehen Sie doch sicher, das ich mit Ihnen alleine wohl kaum eine Expedition zusammenstellen kann, natürlich erwarte ich noch weitere Teilnehmer."

 

Das letze Wort betonte er so gezielt, das Mareanne sich sicher war, dass sie den Platz in der Zeitreiseexpedition bereits hatte und er auch sonst bereits eine gewisse Vorstellung davon hatte, welche Leute er mit auf diese Reise nehmen wollte.

 

"Nun Herr Kahlenberg, ihre Worte schmeicheln mir und es ehrt mich, dass Sie sich offensichtlich bereits für mich entschieden haben. Meine Zeugnisse un Referenzen, die ich Ihnen in Vorfeld zur Durchsicht geschickt habe, scheinen Sie überzeugt zu haben, das freut mich sehr. Allerdings würde ich mich doch gerne noch über die Details der Unternehmung unterhalten, ehe ich Ihnen fest zusage."

 

Nun war es an Kahlenberg, Mareanne überrascht anzusehen, diese Selbstsicherheit und auch gewisse Dreistigkeit hatte er der jungen Wissenschaftlerin offenbar nicht zugetraut. Er nickte ihr zu und hob seine Teetasse.

 

"Nun, was die Expeditionsdetails angeht, so würde ich doch gerne warten, bis alle Gäste eingetroffen sind, so dass ich Ihnen zusammen, von meinen Plänen berichten kann. Bis dahin genießen sie einfach ihren Tee und scheuen Sie sich auch nicht, meine Bücher zur Hand zu nehmen. Jaja, Fräulein Rosenstock, mir ist nicht entgangen, wie bezaubert sie von meiner kleinen Bibliothek sind. Es sind wirklich ausgesprochenen seltene und exquisite Exemplare hier. So wie alles in meiner Sammlung."

 

Mareanne nickt und trinkt ebenfalls einen Schluck Schwarztee, ehe sie zu einer Erwiederung ansetzt.

 

"Ja selbstverständlich, ich warte gerne. Ich bin wirklich sehr gespannt, was Sie anzubieten haben. Was Ihre Sammlung- oder Sammlungen, trifft es wohl besser- angeht, so bin ich sehr beeindruckt, in der Tat. Ich muss gestehen, die Außenwirkung des Hauses hat mich nicht gerade auf diese Exklusivität vorbereitet."

 

Das dröhnende Lachen des Hausherren schallt durch das Büro und schien von den Wänden wiederzuhallen. Kahlenberg betrachtet Mareanne amüsiert, und Mareanne fühlt sich wieder seltsam angenehm hingezogen zu diesen Mann. Er erweckte bei ihr den Eindruck eines liebevollen Onkels.Kahlenberg Lachen verklang und er nickt nun wieder mit ernster Miene aber belustigten Augen.

 

"Nun ja, man soll die Dinge nun Mal nicht immer nach dem ersten Anschein beurteilen. So wie Sie, würde kaum jemand ein kleines Vermögen hinter den grauen Mauern des Hauses vermuten. Der beste Schutz, den ich meine Schätzen zugedeien lassen kann, ist es, sie möglichst unauffällig aufzubewahren. Was hätt ich denn von diesen Kostbarkeiten, wenn ich sie hinter Glas oder in einen Banktressor einsperren müsste. So könnt ich mich garnicht an ihnen erfreuen. Und ich könntet ihnen nicht anbieten, in meinen Büchern zu stöbern."

 

Er zwinkerte ihr zu und trinkt in seelenruhe seinen Tee und nimmt sich ein kleines Küchlein vom Tisch.

 

 

An der Türe:

 

Mit einem hektischen Gesichtsausdruck öffnet Klara die Türe und blinzelt durch die dicken Brillengläser hinaus ins Sonnenlicht.

 

"Ja bitte? Sie wünschen?"

 

 

Geduld ist eine schöne Sache, wenn man sie denn hat. Daniel Walther hat sie nicht immer. Schon will er erneut den Knopf neben dem Messingschild drücken, als er die Schritte kleiner Füße vernimmt und sich mit Schwung die schwere Holztür öffnet. Im Licht der Sonne erscheint eine blässliche Frau, welche ihn durch die starken Brillengläser von unten bis oben mustert.

 

"Ja bitte? Sie wünschen?"

Es schien die Haushälterin oder Sekretärin des Herrn Kahlenberg zu sein.


"Ich komme wegen ihrer Annonce, Daniel Walther mein Name. Herr Kahlenberg erwartet mich"

 

"Ah, der Mann für's Grobe"

bekam er zur Antwort, sie sprach ruhig und ihr Gesichtsausdruck blieb nichtssagend wie vorher. Mit einer Handbewegung zeigte sie ihm, er möge eintreten.

Daniel Walther zog kritisch eine Augenbraue hoch, verwarf aber den Gedanken darauf zu kontern. Irgendwie hatte sie ja doch Recht. Ein wenig zumindest. Er war nicht aus reichem Hause und war auch kein Wissenschaftler. Es war ihm nicht vergönnt, sich an Hochschulen mit wohlklingenden Namen zu bilden, statt dessen stand er von Kindheit an im Betrieb. Ein wenig klein geraten war er, gebeugt durch die Last der Arbeit, der vielgestaltigen Probleme und doch voller Stolz. So schritt er durch den langen Flur, gesäumt von den Uhren aller Größe und Herkunft, deren Ticken einen an die eigene Vergänglichkeit erinnert.

 

"Welch handwerkliche Perfektion" flüstert er leise zu sich selbst. Als das Ende des Flures erreicht war, öffnet Klara für Tür zum Büro. Der Duft von Creamtea und noch warmen Scones strömte ihm entgehen, vermischt mit dem Geruch alter Literatur. Umrahmt von den gigantischen Bücherregalen saßen 2 Personen an einem kleinen Tisch, von denen die Größere unschwer als Herr Kahlenberg zu erkennen war, der sich sogleich aus dem Lesesessel erhob. Unweit von ihm stand eine junge Dame und studierte die Titel der vielen ledergebundenen Bücher.

 

"Herr Walther, schön sie zu sehen!" sprach Herr Kahlenberg mit tiefer, freundlicher Stimme. Sein Händedruck war kräftig und bestimmt. "Das sehe ich auch so" antwortete Daniel mit einem Lächeln und beide gingen zur Sitzecke, hinter ihnen tippelte Klara mit neuem Tee und einer weiteren Tasse.

 

"Wissen sie..." begann Herr Kahlenberg "was das Wichtigste für Erfolg ist?" Nun stellte auch die junge Frau in dem hinreißenden grünen Kleid das Buch wieder zurück an seinen Platz und gesellte sich zu den beiden Herren. "Ausgewogenheit. Was wäre denn der gute, schwarze Tee ohne die Milch der einfachen Bauern, das Gebäck ohne den teuren Zucker"

Mit einem Auge lunzte Daniel hinüber auf die Etage, wo eine Leckerei neben der Anderen lag. Der Magen war ihm noch flau von der langen Anreise und drohte mit lautem Protest, sollte nicht bald mal eine Mahlzeit kommen.  

"Genau deswegen" fuhr der Hausherr fort "benötige ich zu den hochgeschätzten Wissenschaftlern auch Männer der Tat. Wo Formeln nicht mehr helfen, muss tüchtig zugepackt werden. Stellen sie sich dieser Herausforderung, Herr Walther?"

 

Was hatte er schon zu verlieren? Bevor er zustimmend nicken konnte, entfuhr seinem Bauch ein lautes Brummerchen und sorge für allgemeine Erheiterung.

 

"Klara, bitte noch ein paar Scones für den hungrigen jungen Mann und die gute englische Orangenkonfitüre!" War das peinlich, Daniel errötete. Was möge wohl die kluge, junge Frau von ihm denken? Da spürte er Herrn Kahlenbergs große Hand auf seiner Schulter.

 

"Ich werte das als ein Ja, doch genug der blumigen Worte. Kennen die Herrschaften sich?"

 

Daniel wandt sich dem Fräulein im grünen Kleid zu und mit einem sanften Handkuss sprach er:

 

"Walther mein Name, Daniel Walther. Freut mich, ihre Bekanntschaft zu machen"

Mareanne hatte sich nach kurzem Zögern erhoben und ging zu den Büchern hinüber. Zögerlich und Sanft, wie der Liebhaber die Wange seiner Angebeteten, strich sie über die dunkeln Buchrücken. Die eingeprägten Titel verrieten ihr, dass die Bücher weniger nach Fachgebiet geordnet waren, sondern mehr ihrer Seltenheit wegen in diesen Regalen standen.

Schließlich entdeckte sie ein gut erhaltenen Exemplar der Erstausgabe von Linnés Systema Naturae. Ehrfürchtig zog Mareanne das Buch aus dem Regal und Betrachtet den relativ gut erhaltenen Einband. Es erschien ihr erstaunlich, wie ein mehr als 150 Jahre altes Buch noch fast Neu wirken konnte. Vorsichtig schlägt sie das Buch an einer beliebigen Stelle auf und betrachtet die Tabellen, die die Klassifizierung von Singvögeln beinhaltete. Linné! Der Mann, der Ordnung in die Natur gebracht hatte. Der Begründer der Modernen Naturforschung, in ihren Augen. Die junge Biologin war beeindruckt und konnte ihre Augen kaum von der Seite wenden, als sich die Tür öffnete. Fast erschrocken, so als wäre sie bei etwas unerlaubten ertappt worden, schlugt sie das Buch zu und schob es in die Lücke zurück, während sie zur Tür blickte.

 

Interessiert betrachtet sie zu den leicht gebeugten Herrn, der eintritt. Er schien nur wenige Jahre älter zu sein als sie, wirkte aber von Leben gezeichneter. Sie vermutete ein Angehöriger der Arbeiterklasse. Das unüberhörbare Grummeln aus der Magengegend des Mannes amüsierte sie und sie musste ein Schmunzeln unterdrücken. Noch ein Hinweis auf die eher einfache Herkunft des Eintreffenden.

 

Die Worte des Gastgebers bestärkten sie noch in ihrer Annahme. Lächelnd begrüßt sie den neuen Gast und hielt ihn die Hand hin. Dieser ergriff sie und hauchte einen formvollendeten Handkuss darauf. Immerhin hatte dieser Walther gute Manieren.

 

"Die Freude ist ganz meinerseits. Rosenstock, Mareanne Rosenstock. Wie mir scheint, werden wir in nächster Zeit zusammenarbeiten. Ich bin gespannt. Was ist ihre Professur?"

 

Bewusst verwendete sie das Wort Professur, obwohl sie sich sicher war, das der Mann wohl nie eine Hochschule von innen gesehen hatte. Aufmerksam beobachtet sie Walters Reaktion mit ihren ungewöhnlich grünen Augen, die hervorragend mit dem smaragdgrünen Kleid harmonierten, welches sie trug.

Daniel Walther schluckte kurz, die Frage hatte er erwartet.  

 

"Meine Professur" so begann er "ist die Tat, mein Lehrstuhl das Leben. Wenn die Welt in Trümmern liegt, sammle ich diese auf, errichte Mauern die vor Wind schützen, Straßen, neue Wege für Leute ohne gezielte Richtung. Plätze zum Verweilen, Ruhe finden. Wo man sich wohlfühlen kann. Oder einen großen Bogen drum machen, wie es beliebt."


Dabei zwinkerte er ihr zu und um seine Augen erscheinen viele kleine Lachfältchen.

 

"Seien sie unbesorgt, Fräulein Rosenstock" hören sie Herrn Kahlenbergs Stimme aus dem Lesesessel "Herr Walther wird uns den Rücken freihalten, damit wir in Ruhe arbeiten können. Unterschätzen sie ihn bitte nicht." Daniel fühlt sich geschmeichelt und widmet sich nun endlich Tee und Gebäck. Als alle 3 wieder Platz genommen haben, dreht er sich zu ihr und fragt:

 

"Fräulein Rosenstock, was ist denn ihr Fachgebiet, wenn ich so fragen darf?"

Die schweifende Erklärung seiner Berufung lauschte die junge Frau mit einem höflichen Lächeln und setze sich wieder auf ihren Stuhl und nahm die Teetasse zur Hand, ehe sie ihrem Gegenüber antwortete.

 

"Herr Walther, ich muss gestehen, ich bin etwas überrascht. Und beeindruckt. Ich hätte nicht erwartet einen Phylosophen in Arbeitsgewand hier anzutreffen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich schätze und respektiere die arbeitende Klasse sehr. Sind sie doch die Stütz- und Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Aber nur selten findet man einen so Wortgewanten Galan unter ihnen."

 

Sie nickte ihn wohlwollend zu und nahm einen Schluck Tee, ehe sie nun ihrerseits auf seine Frage antwortete.

 

"Um nun zu meiner Professur zu kommen, ich hatte das Glück, in Leipzig an der naturwissenschaftlichen Fakultät studieren zu dürfen und bin gewissermaßen Experimental-Biologin. In weitesten Sinne zumindest. Ihnen zu erklären, welchem Spezialgebiet ich mich verschrieben habe, wärde wohl im Augenblick zu weit führen. Und... wenn ich Herrn Kahlenberg recht verstehe, werden wir auch noch einige Gelegenheit haben, und noch etwas besser kennen zu lernen."

 

Mit diesen Worten blickte sie mit gewisser Neugier zu ihrem Gastgeber und wartet auf weitere Erläuterung. Dieser lies ein kurzes Lachen hören und nickt ihr dann zu.

 

"Ganz richtig Fräulein Rosenstock. Wenn Sie beide mein Angebot annehmen- und ich gehe davon aus, dass sie es tun- werden sie wortwörtlich jahrhunderte Zeit haben, noch viel Fachzusimpeln und zu philosophieren. Und zugleich nur wenige Momente. Jaja, Fräulein Rosenstock, ich habe schon erraten, dass sie nun mehr über ihren Auftrag erfahren wollten. Zugegeben ich bin ein kleiner Geheimnisskrämer und...Nun ja, kommen Sie und folgen Sie mir, ich will es Ihnem am Exempel erklären."

 

Mit diesen Worter erhob sich der große Mann erstaunlich behände und führte seine Gäste zu dem schweren roten Vorhang an der Wand. Von Nahen erkannte Mareannen nun, dass der Stoff über und über mit feinen roten Fäden durchwirkt war, die ein verschlungenes Muster bildeten und bei längeren Betrachten ein gewisses Schwindelgefühl hervorriefen.

 

Kahlenberg lies seine Gäste eine kleine Weile schmoren, ehe er mit einer raschen und zugleich theatralisch wirkenden Handbewegung den Vorhangstoff so leicht zur Seite zog, als wäre er aus Seide und nicht aus Brokat. Dahinter kam eine große Landkarte zu Tage, aber was sie zeigte war nicht etwa die bekannte Welt mit ihren Kontinenten sondern ein seltsam uneuklidisch wirkendes Zerrbild einer bizarren Landschaft.

 

Mareanne zog unweigerlich erschrocken die Luft ein und brauchte einen Moment, um zum einen das Schwindelgefühl des Vorhangmusters loszuwereden und das ihr nun bietende Weltbild zu begreifen.

Daniel Walther war verblüfft. Die junge Frau forscht in Sachen Natur, wie er es selbst immer angestrebt hatte. Wahrscheinlich eine Art moderne Alchemistin, mit Fachwissen, was es abzuschauen gilt. Sehr, sehr interessant.

Herr Kahlenberg schaute uns wohlwollend zu. Die Zeit war gekommen, ein wenig seine Geheimnisse zu lüften. Die Zeit, die niemals stillsteht in diesem Hause voll wunderbarer Uhren. Oder doch?

Er führte uns zu einer Wand des großen Raumes, deren schwerer Vorhang seltsam lebendig wirkte. Als wäre er statt aus roten Fäden von einer unbekannten Energie gewebt, die im Takt der Sekunden pulsiert. Mit einer beherzten Handbewegung schob er den Vorhang zu Seite und eine gigantische Karte kam zum Vorschein. Während Fräulein Rosenstock sichtlich erschrak, versuchte Daniel sich darauf zu orientieren.

Die Welt darauf sah verfremdet aus, ganz anders als er es von dem Globus kannte, der daheim zwischen den Büchern verstaubte. Die Städte wiesen statt Namen kleine, mechanische Zählwerke auf, die von glimmenden Lichtern erhellt wurden. Den unteren Abschluss bildete eine lange Reihe von Drehrädern und messingglänzenden Hebeln. Ein faszinierender Anblick, aus dem Franz Kahlenberg uns plötzlich riss.

"Sprachlos?"

Der große, kräftige Mann sah uns spitzbübisch an.

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