Rauchersalon

Forum für Steampunk, Dieselpunk und Neo-Victorian

Sehr geehrte Damen und Herren der schaffenden Zunft,

Sie kennen das - Altes runzelt, rostet, zerbröselt.

Schauen Sie jetzt bitte nicht auf Ihren Sitznachbarn , ich rede eher von Technik.

Der Steampunk in mir kommt ja leider selten zum kreativen Schaffen und muss sich laufend dem Alltäglichen widmen, daher komme ich Ihnen auch heute lediglich mit einer alten Kamera daher, welche etwas handwerkliche Zuwendung benötigt. Ein Bekannter Photographicus bat die Fakulthät Faltenbalg  diesbezüglich um tatkräftige Unterstützung.

Dieses gute Stück nun, ca aus den 50ern/60ern des letzten Jhdts, es ist ein Zerbröseler.

Der Korpus aus Holz, wird sie nach meinem Dafürhalten wohl gelegentlich in einer Pfütze gestanden haben, denn es ist der Boden der Kamera, und hier besonders die ach so wichtige Aufnahme für das Statif, welche sich zermürben liess.

Wir wissen, dass dieser Typus, eine Graflex Pacemaker,  dem rauhen Einsatz des einstigen Pressephotographen anheimgestellt wurde; es sind dies die Ihnen wohlbekannten riesigen Pressekameras vergangener Tage, Jene mit dem kreisförmigen Blitzreflektor an deren Seite, trotz opulenter Grösse meist freihändig bedient.

Bei uns gab es ähnliche Modelle z.B. aus dem Hause Linhof. Hierzulande 9x12 cm, im angelsächsischen Raum 4x5 inch (ca 10x12,5cm) Negatifformat.

Weniger bekannt hingegen dürfte sein, wie das seinerzeit genau ablief mit dem Photo, dem Satz, dem Druck.

Natürlich musste für die topaktuelle Berichterstattung das vom Reporter eingefangene Bildnis unmittelbar zur Redaktion geliefert werden; kein Handy, kein Fax - ein dem Reporter zur Seite gestellter Kurier übernahm zuweilen diesen Botengang.

Eine Zeitung wird um sagen wir 22.00 in den Druck gehen; was bis unmittelbar davor  nicht im bleiernen Setzkasten, bzw angemessen aufgerastert ward  (Photo), konnte am nächsten Tag nicht in der ersten Auflage gelesen werden. Ein Unding !

In besonders zeitknappen ( oder besonders wichtigen) Fällen also musste sich der Reporter sogar schon mal in einen Hausflur zurückziehen und dortens das Negatif entwickeln und Kontakten ; hierzu gab es für die Pressekameras spezielle Aufsätze, welche aus der Kamera flugs einen Vergrösserer bzw ein Kontaktgerät machten.

Wie das nun mit dem Entwickeln gehandhabt wurde, kann ich gar nicht sagen - das liesse sich bei entsprechender Neugier jedoch leicht recherchieren.

Noch heute erfreuen sich solche Geräte steter Beliebtheit in der Grossformatfotografie, denn sie haben tatsächlich - und dies ist im grossen Format eher nicht anzutreffen - Sucher  und sog. Rangefinder mit gekoppelter Scharfstellung für den schnellen und vor allem gelungenen Schnappschuss.

Als  weitere Besonderheit ist der sog. focal plane shutter zu nennen, ein riesiger Tuchverschluss, welcher sich hinten an der Kamera befindet.

Dieser Tuchverschluss ist ein Schlitzverschluss, d.h., der Schlitz entsprechender Grösse (Belichtungszeit!) wandert schnellst an der Filmebene entlang und gibt "zeilenweise" etwas Licht auf das Negatif.

Das kann, entgegen zum zentralen (kreisrunden) Verschluss für phänomenale Effekte sorgen, wir können da gerne an anderer Stelle mal drüber reden, hier nur ein frühes Beispiel:

Solch ein Phänomen kennt man übrigens auch in der optodigitalen Bebilderung, denn auch hier wird sozusagen Zeile für Zeile Licht gegeben.

Auch dieser angebaute Verschluss  also erhöhte die Flexibilität des Reporters, und er konnte  leichtere, verschlusslose Objektive verwenden.

Dieses epochale Gerät nun liegt bereits im erwähnten Auftrage auf meinem Seziertisch.

Eine dokumentarische Bebilderung der Operation lasse ich stückweise  folgen, die Faltenbalgsche Fakulthät operiert diesmal nahezu in Echtzeit mit nur leichten Delay,  und das minimalintensiv - ein berufsinterner  Scherz der Operateure, mindestens ein Bein muss natürlich ab...

Es gilt, dem maroden Boden zu erneuter Standfestigkeit zu verhelfen; eine das marodierte Holz stützende Prothese aus Aluminium muss her, denn es soll hier ein gewaltiges Objektif, ein Kodak Aero Ektar, zum Einsatze kommen.

Wenn Ihnen auch gerne mal die Kinnlade herunterklappt, dann aetherisieren Sie bitte diesen Begriff und bewundern Sie die Bilder!

Jene Optik wurde im WK II für Luftaufnahmen verwendet, natürlich an speziellen Luftbildkameras.

Die Mechaniker unter Ihnen könnte es interessieren, dass an der Optik jede erdenkliche Schraubverbindung zusätzlich mit pestialisch kleinen Madenlarvenschrauben gesichert wurden, denn auch die Flieger vibrierten seinerzeit deutlich stärker als heute.

Interessant allemal ist auch die nachträgliche perspektivische Entzerrung der Aufnahmen an speziellen Vergrösserern, zur Übertragung auf Karten - aber da gehe ich hier nicht weiter drauf ein, das führte wohl zu weit.Recherchieren Sie doch gerne selbst, Sie begegnen tonnenschwerem Spezialgerät.

Nach diesem annekdotischen Abschwiff lasse ich in lockerer Folge Text und Bild und Gebeine vom bereits schreienden Patienten einfliegen-schriftsetzen - ach was, ich mache das einfach mal selbst.

Freundlichst,

F.F.Faltenbalg

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Alter Falter,

große Klasse gemacht und Sie haben wieder ein "Tutorial" aus Ihren Ausführungen gemacht.

Danke für das Teilen hier!

Hochachtungsvoll,

Horatius Steam

PS

Ihre Drehbank ist der Hammer!

Werter Herr Faltenbalg,

der Eigentümer der dergestalt wieder instand gesetzten Kamera wird Ihnen gewiss schon in angemessener Form die Füße geküsst haben; mit weniger auffälligen Gunstbezeugungen würde ich ihn auch nicht davonkommen lassen ;-)

Mir bleibt an dieser Stelle, mich zu bedanken für einen anschaulichen und kurzweiligen Reparaturbericht aus einem wirklich nicht alltäglichen Technikbereich - sehr gern bin ich Ihren Ausführungen gefolgt. Und Ihr alter "Drehrochen" - wie Sie ihn mutmaßlich liebevoll nannten - nun, eigentlich fehlen mir dafür die Worte.

Insgesamt jedenfalls eine astreine Arbeit und eine dolle Dokumentation - danke!

Remington Brass

Meine Herren Brass und Steam,

Sie beschämen mich; viel eher hätte ich ein lautstarkes Verbuhen ob der sträflichen Drehstahlanstellung erwartet...

Auch kann ich von einem Fusskuss  nur dingend abraten, wenn einem die Kundschaft nicht wegsterben soll!

Lassen Sie mich noch schnell Unterschlagenes ergänzen:

Im vorletzten Bild, die Befestigungsschraube M8/SW 13, sie war zu dick am Kopf für diese Stativschnellwechselplatte, und musste kurzerhand etwas abgedreht werden.

Und genau hier verreckte mein Drehstahl, weil ich schusseligerweise dem harten VA mit einem weichen Stahl beikommen wollte. Hab einfach nicht dran gedacht, Sie verstehen..

Als eingefleischter Mechaniker kommt mir natürlich keine Schraube ohne Unterlegscheibe zum Einsatz; selbstverständlich war diese zu breit und musste, ebenfalls am Rochen, im Durchmesser verjüngt werden.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass solche Kameras trotz teilweise etwas desolat wirkender Verarbeitung durchaus präzise Werkzeuge sind.

Es sollte stets im Auge behalten werden, dass nach erfolgter Arbeit die Filmebene und die Objektivebene in der Grundstellung parallel sein müssen, sonst gäbe es partiell unscharfe Bilder.

Eine Verlagerung der Mattscheibe um nur 1 oder 2 Zehntel mm resultierte in grundsätzlich  unscharfen Bildern.

Einmal den Balgen mit dem abgerutschten Schraubenzieher penetriert - unscharfe bis schrottreife Bilder.

Geringster Lichteinfall würde bestenfalls den Kontrast reduzieren, und schlimmstenfalls die Filmplatte in unerwünschtem Maße exponieren (belichten).

Beim Rumkramen in meiner metallischen Vergangenheit stiess ich übrigens auf folgendes Exponat, welches ich einst, mit der Funktion eines aussenliegenden Ölkühlers, an dem gezeigten Transmissioner erstellte und am ottogetriebenen Zweibike zu verbauen gedachte:

Die Form des Kühlerkopfes  hatte ich mit meiner Standfräse herausgeknabbert :

Leider fehlt inzwischen der damals herauspolierte Elsterglanz.

Auf jeden Fall bin ich wieder - heiss :-)

Heute dann eher im phototechnischen Bereich.

F.F.Faltenbalg

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