Rauchersalon

Forum für Steampunk, Dieselpunk und Neo-Victorian

Verehrte Mitreisende,

bei einer Urlaubsreise nach Südtirol haben wir mit dem Automobil die schmale Straße nach Partschins erklommen. Nur die beiden niedrigsten Getriebestufen kamen hierbey zum Einsatz und allenthalben entgegenkommende Fuhrwerke verliehen dieser Anfahrt etliches an Nervenkitzel. Jenes Partschins liegt wahrhaft am (oberen) Ende der Welt. Eine nur kurze Strecke darüber endet die  Fahrstraße und das Gebirge steigt auf über 3ooo m an. In dieser Abgeschiedenheit hat der Zimmermann Peter Mitterhofer vor gut 150 Jahren die Schreibmaschine erfunden.

Mitterhofer unternahm erhebliche Anstrengungen, seinen Schreibapparat zu vermarkten - nicht zuletzt schleppte er zwei seiner insgesamt fünf Prototypen 600 km weit nach Wien, um dort an der Ignoranz der kaiserlichen Gutachter zu scheitern. So wollte es das Schiksal, dass der Erfinder nicht am Erfolg seines Werks teilhaben durfte. Posthum hat ihm seine Heimantgemeinde im Ortszentrum ein geräumiges Museum gewidmet, das 2000 historische Schreibmaschinen in Ehren gehalten werden.

Nun - genug palavert - ich will Ihnen einige dieser herrlichen Exemplare vor Augen führen:

Am Eingang lockt ein Abbild einer Schreibkugel Bj. 1867, wie sie Friedrich Nietsche genutzt hat und die neben einer Codiermaschine Modell Enigma als Höhepunkte der Ausstellung gelten.

Betritt man das Museum, erwartet einen dieser überwältigende Anblick:


Ganz im Gegensatz zu den heutigen Eingabe-Brettern sind Form und Aufbau bei den frühen Schreibmaschinen sehr vielgestaltig und ansprechend:

Ein Teil der alten Schreibapparate waren auf das Allernötigste beschränkt - beim 1-Dollar-Modell "Dollar" dermaßen, dass man beim ersten Blick hier keinesfalls erkennt, dass es sich überhaupt um eine Schreibmaschine handelt:

Vielen antiken Schreibapparaten ist hingegen deutlich anzusehen, dass zu iherer Zeit neben der reinen Funktion auch der Ästhetik Raum gegeben wurde. Und Ästhetik bedeutete damals nicht nur, möglichst glatt und flach zu sein...

Die Verbindung der Formen rund und rechteckig in einer seltenen Variante:

Bei nicht wenigen Tasten-Opas blieb es mir schleierhaft, wo genau das Papier platziert wurde!

Noch ein Blick auf zwei Modelle, deren genetische Merkmale wohl in der Evolution der Spezies Schreibmaschine ausgestorben sind:

Auch zum Thema passende Accessoirs fehlen in der Sammlung nicht:

Die erste elektrische Schreibmaschine wirkt etwas kopflastig:

Beschließen möchte ich den musealen Rundgang mit einem frühen Fernschreiber....

....und einem Modell der Ära Diesel-Punk:

Es verbleibt mit den vorzüglichsten Grüßen aus Südtirol, nächtens an seiner tragbaren Eingabe-Maschine sitztend,

Ihr C.v.Buron

Tags: Museum, Schreibmaschine, Technik, Urlaub, alte

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Lieber Urlaubsreisender Claudius von Buron,

ganz herzlichen Dank für diese Impressionen aus der Technikgeschichte. Mit großem Interesse habe ich Ihre Photographien aus diesem offenbar sehr abseitig gelegenen Museum betrachtet. Es ist in der Tat immer wieder frappierend zu sehen, mit wieviel Liebe zum Detail und in welcher umwerfenden Vielfalt der Formensprache unsere Altvorderen Gerätschaften, welche heutigen Tages als schnöde Gebrauchsgegenstände erlebt und benutzt werden, zu gestalten wussten. Dabei mag gewiss der Reiz des damals Neuen eine wesentliche Rolle gespielt haben, aber sicher auch, dass sowohl Arbeitsleistung bzw. -zeit als auch die zur Verwendung kommenden Rohstoffe noch "erschwinglich" waren. Offenbar hatten diese Gerätschaften damals nicht nur einen Preis, sondern auch einen nicht unerheblichen, ihnen zugeschriebenen Wert.

Schön, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, uns an diesem Museumsbummel teilhaftig werden zu lassen.

Genießen Sie weiter Ihren Urlaub - gute Erholung wünscht

Remington Brass

Werter Herr von Buron

 

Herzlichen Dank für diesen überaus interessanten Bericht! Schon bei der Einleitung habe ich Neues dazu gelernt und der Bericht mit dem entsprechenden Bildmaterial ist sehr informativ. Wie schade, dass dieses tolle Museum so weit ab vom Schuss liegt. Sollte ich jedoch einmal in der Nähe sein werde ich einen Besuch auf jeden Fall einplanen. 

 

Ergebenst

Lady Anna

Werter Herr von Buron,

Ich bedanke mich fürs Zeigen der Ablichtungen dieser schönen Exponate, und natürlich für den Tipp zum Museum.

Da ich jedes Jahr im Herbst eine Woche zum Mountainbiken im Südtirol bin, werde ich es mir nicht nehmen lassen, mit dem Auto einen Tag nach Partschins zu fahren um diese wunderschönen Schreib-Exemplare anzuschauen. Ein Augenschmaus par excellence.

Mit staunenden Grüssen

Baron Christian von Helvetien

Was hat man doch damals noch Wert auf Stil und Eleganz gelegt,

werter Herr Buron, vielen Dank für die Impressionen.

Was für mechanische Wunderwerke das doch sind

schwärmend

Ihr Teleman v. Phone

Guten Morgen mein verehrter Baron,

danke für das Teilhaben lassen an den tollen Exponaten.

Der Fernschreiber ist kein Fernschreiber :-)

Das gute und wertvolle Stück ist ein Hell - Schreiber.

1929 wurde das analoge! Übertragungsverfahren bereits patentiert.

Hören Sie sich einmal das Klangbeispiel auf der Wikipedia Seite an. Da werden Erinnerungen an die Modem Zeit wach :-).

Das Gerät wurde von der Wehrmacht im WKII benutzt.

Die Übertragung war extrem fehlertolerant.

Mehr zu dieser faszinierenden Technologie finden Sie hier: KLICK

Hochachtungsvoll,

Horatius Steam

Wunderwunderschön, werter Herr Buron !

Technik, die begeistert.

Aber:

Ich finde es auch immer sehr interessant, was man in alten Schriften so alles zu lesen bekommt oder wiedererkennt. Von wegen "wir habens erfunden, heute"..

"Sie dürfen nicht eher vorrüber, als bis sie"... finde ich schon recht aggressiv geworben :-)

Gab es seinerzeit auch Geräte, welche Sanskrit schrieben? Ward uns ja damals noch nicht geraubt und untersagt.

Das steht doch was von "ähnlich wie Buchdruck"?

Freundlichst,

F.F.Faltenbalg

Verehrte Damen und Herren,

Sie sehen mich glücklich, Ihnen mit meinem kleinen Bericht Freude bereitet zu haben!

Geschätzter Herr Steam, herzlichsten Dank für die interessante Korrektur zum Hell-Schreiber. Sie haben mich ertappt: die Etage mit den jüngeren Ausstellungsstücken habe ich nur durchstreift und das Lesen der Beschreibungen verabsäumt.

Werter Herr F.F.F., auch mich hat manch ein Werbespruch dort etwas merkwürdig berührt! Auf eine Sanskrit-Schreibmaschine bin ich oben in Partschins nicht gestoßen, wohl aber gab es ein Exemplar mit chinesischen Schriftzeichen - ich glaube über 1000 verschiedene. Dieser Apparat ähnelte am ehesten der "Graphic" aus meiner Bildersammlung; allerdings war die Auswahltafel natürlich gigantisch groß.

Ihre Frage zu Sanskrit war vermutlich nicht ganz ernst gemeint, da Ihnen zweifellos bekannt ist, dass diese ursprünglich mündlich überlieferte Sprache in den meisten Fällen in देवनागरी (Devanāgarī) niedergeschrieben wird. Eine entsprechende Schreibmaschine vermag ich Ihnen hier zu zeigen

Herzlichst, Ihr Claudius von Buron

""wohl aber gab es ein Exemplar mit chinesischen Schriftzeichen - ich glaube über 1000 verschiedene.""

Wieviel Mann haben denn diese Maschine bedient ?

"He, Obacht da hinten - drück mal ein Chi!"

"Komm nich ran, das muss Keule machen!"

Mit dem Sanskrit muss ich noch mal in die Tiefe recherchieren, ich hab da wohl was verdreht und bitte um Nachsicht.

Fröhlichst,

F.F.F.

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