Rauchersalon

Forum für Steampunk, Dieselpunk und Neo-Victorian

Werte Mitreisende,

ich will einmal kurz mit einem oder vielleicht 2 noch etwas ungaren Bildern aus meiner Kabine herauswedeln; diese haben zwar dank optodigitaler Kopierung von meiner hier schlicht unfähigen Seite  nur recht wenig mit meinem Original auf Baryta zu tun, aber nach langem Überlegen befinde ich die Stimmung im Bilde für dem hiesigen Schiffe  sehr angemessen.

Viel eher geht es mir auch darum, hier einmal die Schärfe als Gestaltungsmittel unter die Lupe zu nehmen.

Ich liebe das Spiel insbesondere mit der Unschärfe:

Nebenbei gefällt mir hier das Ledrige im Hintergrund, ein recht angenehmes Missgeschick :-)

Entstanden ist das Bildnis in einer Grossformatkamera kleineren Formates, genauer mit 9x12cm Negatifgrösse; das Bildnis selbst wurde auf 30x40 cm Barytpapier hervorgerufen.

Ihre geschätzte Meinung zur Schärfe/Unschärfeverteilung würde mich sehr interessieren; auch ein ungnädiger Verriss wäre mir vorstellbar, ich habe durchaus gute Nehmerqualitäten...

Freundlichst,

F.F.Faltenbalg

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Das folgende Bild verlangt aus meiner Sicht besondere Aufmerksamkeit, denn wir können hier wunderbar die Eigenheiten eines echten Weichzeichnerobjektifes ausmachen.

Gloriolen, schmeichelnde Schärfe, als Solches kaum auszumachen, in Kombination mit herrlich abgleitender Unschärfe, ein durchweg verträumter Gesamteindruck und eine fantastische Interpretation des Lichtes.

Ich lobe hier nicht mein Bild, sondern preise das Objektiv..

Der etwas milchige Belag ist Reflexen beim Digitalokopieren geschuldet und hätte meinerseits ebenso vermieden werden können wie die Schmarre im Bild, ich muss da also noch mal ran und bitte b.a.W. um Milde und Nachsicht, denn ich musste dies Bild nun endlich mal "loswerden" ..


Die hauseigene Skalierung gibt heute meinem eh mürben Bild  noch den Rest, wenn Sie also ausnahmsweise den link anklicken könnten, vielen Dank:

[url=http://www.fotos-hochladen.net][img]http://www.fotos-hochladen.net/uploads/rywzb04af98epzo.jpg[/img][/url]

Unschärfe kann die Schärfe kontrapunktieren, das Motiv zurechtrücken, sie kann als alleiniges Gestaltungsmittel genutzt werden, es gibt derer viele Möglichkeiten.

Ein scharfes Bild ist per se kein gutes Bild, wie man uns heute Glauben machen will.

Trotzdem ist Unschärfe an unpassender Stelle auch ein Killer...

Schärfe allein, sie kann mitunter von Nöten sein, aber in der heutigen Zeit ist sie mir fast schon ein Graus, weil allenortens zu sehen, als "Stilmittel" oft den Bildinhalt ersetzend, und bis zum Maximum ausgereizt.

Schärfe in Verbindung mit "Plastizität" allerdings mag ich sehr gerne mal:

Aber auch absolute Unschärfe schätze ich sehr, und wenn dann sogar noch etwas draus herauswächst:

Kurzum, ich spiele gerne mit der Schärfe, bzw mit der Unschärfe; für mich ist dieses Spiel ein unverzichtbares Gestaltungsmittel.

Freundlichst,

F.F.Faltenbalg

Sehr geehrter Herr Faltenbalg,

das wird ja wieder ein wunderbares "Totorial" über analoge Fotografie.

Danke schön!

Hochachtungsvoll,

Horatius Steam

Sie sprechen es indirekt an, werter Herr Steam, und ich kann es gern konkretisieren:

Unschärfe ( genauer hier die Tiefenschärfe)  ist neben der Blende in gewaltigem Maße vom Format des Aufnahmesensors, oder eben von der Grösse des Negatives, abhängig.

Und wirklich grosse Sensoren digitaler Zunft gibt es ja nicht ( doch !! Benutzen Sie doch einfach mal Ihren Büroscanner als Kamera, legen Sie irgendwas drauf, scannen Sie das, staunen Sie!).

So wunderbar und durchgehend scharf Sie einen Marienkäfer auf den Minisensor Ihrer kleinstformatigen Digitalkamera brennen können, so sehr mühen Sie sich vergeblich, dem Portraitierten etwa einen gänzlich unscharfen Hintergrund angedeihen zu lassen.

Alles wird durchgehend scharf, trotz offener Blend (kleine Zahl, grosse Objektivöffnung).

Verstehen Sie dies nicht als unumgängliche Notwendigkeit, sondern als tolle Option, endlich einmal Kleines durchgehend scharf ablichten zu können, womöglich noch mit Hilfe von "stacking";

analog ging dort immer nur sehr wenig, was die Tiefenscharfe anbelangt.

Allerdings gab das auch stets stimmige Bilder, wie ich finde, doch mitunter war es auch lästig, nix scharf zu bekommen mit der Kleinbildkamera.

Zurück zur Unschärfe:

Erst ab dem sog. Vollformat ( grosser Sensor) kann man wirklich effektiv mit offener Blende und geringer Tiefenschärfe arbeiten.

Nun sind ja gerade das diese teuren Geräte, die sich der gelegentliche Hobbyist  nur ungern ans Bein bindet, die breite Masse also bildet heute scharf ab, gewollt oder nicht..

Das Vollformat nun entspricht aber der Grösse des klassischen Kleinbildnegatives (und bezieht daher auch seinen Namen, volles Format wie früher üblich), woraus sich aufgrund meiner formatbezogenen Aussage oben nun ableiten lässt, dass gestalterische Unschärfe vor Jahrzehnten gar kein Problem und im Gegenteil sogar in beliebtester Art eingesetzt wurde.

Mit den gewaltigen Kalibern des Grossformates widerum sinkt die erreichbare Tiefenschärfe bei offener Blende auf ein absolutes Minimum, selbst gnadenloses Abblenden ist hier keine Hilfe mehr; so finden Sie dann auch  Begeisterte wie mich, die bei einem Negativformat von 13x18 oder sogar 30x40cm auf der Suche nach minimalster Tiefenschärfe sind - da ist schnell mal die Pupille des Modelles geschärft, bei gleichzeitigem Verunschärfen der Augenbraue in bereits gewaltigem Umfang.

Mit dem Verlauf der Schärfe erzielen Sie übrigens auch eine Tiefe im Bild, eine Tiefenstaffelung über die schwindende Schärfe.

Zu beobachten selbst bei ältesten Landschaftsaufnahmen, ja im Grunde sogar bei alten Gemälden, denn der atmosphärische Dunst bringt etwas Unschärfe ( und auch zusätzlich wirkenden abgemilderten Kontrast) in den Hintergrund, wodurch der Vordergrund widerum an Präsenz gewinnt.

Es ist dies auch die sog. Luftperspektive, welcher man widerum mit einer Infrarotaufnahme oder einem simplen Rotfilter begegnen könnte...

Ein Blaufilter erhöht den Dunst.

Erhöhen oder Verringern lässt sich die mögliche Tiefenschärfe bei Nahaufnahmen neben der Formatwahl oder Blendenvorwahl übrigens auch durch den Abstand der Kamera zum Motive selbst; nehmen Sie als Beispiel die froschgrüne Aufnahme des leckeren Spargels, ausnahmsweise digital aufgenommen.

Hier wurde eine Halbformat DSLR mit einem langen Makroobjektiv benutzt ( 90mm Brennweite), welches nun einen sehr minimalen Abstand zum Motiv erfordert; ich denke es waren keine 20 cm, die den Spargel vom Objektive trennten. Offene Blende, zack, die Unschärfe sitzt, der Schärfebereich widerum hat keine 2mm Ausdehnung, wie man am restlichen Spargel im Hintergrund unschwer vernehmen kann.

Gleiches Motiv aus einem Meter Entfernung aufgenommen wäre  von vorne bis hinten scharf - aber leider kaum noch sichtbar, man müsste nachträglich den Ausschnitt vergrössern...

In der optophysikalischen Theorie der Unschärfekreise ( circles of confusion) und der Definition der Schärfe an sich möchte ich mich hier nur ungern verlieren, es führte schlicht zu weit und verschläfert mir die verbliebene Leserschaft.

Lassen Sie uns dererstatt lieber beim hausgemachten Bilde verbleiben.

Freundlichst,

F.F.Faltenbalg

Werter Freiherr von Faltenbalg

 

Ich staune immer wieder über Ihre unglaublichen Kenntnisse. Mit diesem Beitrag wurde mir wieder manches klar, was vorher zwar Bewunderung aber ansonsten nur ein grosses Fragezeichen hervorgerufen hat.

 

Vielen Dank für die Erhellung und natürlich auch für die schönen Bilder.

 

Ergebenst

Lady Anna

Ihr Kompliment umschmeichelt mich, jedoch  über Gebühr.

Blühende Leidenschaft und glühendes Interesse, werte Lady Anna, so würde ich meinen Drang beschreiben, die Zusammenhänge verstehen zu wollen.

Letztlich geht es in meinen Artikeln weniger um unglaubliche Kenntnisse, eher um erweitertes ( oder sogar immer noch lückenhaftes) Basiswissen des einstigen Photographen.

Dessen Wissen, ja das war beeindruckend, und es ringt mir  die demütige Erkenntnis ab, mich selbst nur als fortwährenden Lehrling zu betrachten.

In der Bildgestaltung selbst, und davon bin ich immer mehr überzeugt, kann man sogar bevorzugt dem altgedienten Pinselschwinger auf die Finger schauen, der kannte die Kniffe und Tricks (Chiaruscoro, goldener Schnitt usw), die grundlegenen Regeln der Bildgestaltung.

Tatsächlich haben die Altforderen der Photographie ja kaum anderes getan, waren oft sogar auch Maler, orientierten sich an damaligen Standesregeln, welche schon in der Malerei der kirchlichen Doktrin unterlagen. Stichworte hier:  Memento mori, Symbolismus, usw..

Lektüre des ehrenwerten Pictorialisten William Mortensen zeigt auf, dass einst sogar in den Photographien selbst noch wild rumgemalt wurde, "Umbezzo" etwa nachträglich aufgebaut wurde, Lichtstimmungen geschickt manipuliert oder sogar ganze Gebirge als neuen Hintergrund geschaffen wurden!

Um des Malers Fähigkeiten nun ins Negatif umzusetzen, bedarf es auch  etwas Wissen um die vielen schönen Objektife, welche entweder derart scharf, dass Sie beim Betrachten der Bilder eine Hornhautverletzung bekommen, oder auch malerisch weich "zeichnen" können.

Kaum ein Maler würde mit einem einzigen Pinsel verschiedene Situationen einfangen bzw wiedergeben  wollen.

Ganz wichtig ist stets auch die Beobachtung des Lichtes ( und seiner Schatten), wenn man eine feine Stimmung erzielen möchte; lichtdurchflutet oder rembrandtisch düster mit prägnanten Lichtspitzen, aetherisch durchwirkt oder sachlichklar, auch das Licht vermag also den Schärfeeindruck zu beeinflussen, wie wir es ja schon in der Natur beobachten können.

Welcher Erhellung fielen Sie denn nun anheim, Verehrteste?

Ergebenst,

F.F.Faltenbalg

Werter Freiherr von Faltenbalg

"Blühende Leidenschaft und glühendes Interesse", ja das spürt man in Ihren Berichten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das was Sie als Grundwissen bezeichnen für mich als absoluten Laien schon die hohe Schule ist.

Ich habe eine Zeitlang oft und gerne die Blumen und Tiere in meinem Garten fotografiert. Dabei ist die eine oder andere passable Aufnahme entstanden, wobei manchmal genau die Effekte von Schärfe und Unschärfe das Bild ausgemacht haben. Für mich waren und sind dies Zufallstreffer. Dank Ihren Ausführungen weiss ich nun aber zumindest theoretisch wie es dazu gekommen ist und kann vielleicht diese Effekte versuchen bewusst herbei zu führen.

Aber auch Ihre neuesten Ausführungen z.B. betreffend der Fotografie im Zusammenhang mit der Malerei  sind sehr spannend.

Besten Dank diese interessanten Ausführungen.

Ergebenst

Lady Anna

Werte Lady Anna,

Wie Sie die Schärfe beeinflussen können, wissen Sie bereits, und dass man ein Objekt mit einem unscharfen Hintergrund "freistellen" kann, sehen Sie an Ihrem eigenen, übrigens wundervollen Bild.

Das Auge möchte sich gerne auf etwas konzentrieren können; wenn Sie also etwas portraitieren möchten, holen Sie das Objekt in die Schärfe, und lassen Sie den Hintergrund in der Unschärfe verschwinden.

Komplett unscharf, bis hin zur homogenen Fläche, oder - um etwas Kontext ins Bild zu bringen - nur leicht angedeutet scharf.

Vergleichen Sie dies dann mit einem Portrait, welches einen scharfen ( womöglich noch total unruhigen) Hintergrund hat.

Farbliche (siehe Ihr Beispiel) oder tonale Kontraste bei S/W unterstützen das Ganze weiterst, auch ein Hell-Dunkel-Spiel zwischen vorn und hinten bringt Effekt.

Dies sind in der Summe doch schon die wesentlichen Gestaltungsmittel in der Lichtbildnerei.

Licht/Schatten, Scharf/Unscharf  Monochrom/Polychrom, Jedes für sich, oder als konträre Paramater, etwas goldener Schnitt, voila.

Wenn mein Eindruck nicht getrübt ist, haben Sie die Spinne verblitzt; um hier nicht allzusehr vom Schärfethema abzuschweifen, empfehle ich einfach, die Wirkung eines Blitzes hinsichtlich Vordergrund/Hintergrund einmal zu studieren; da Licht grundsätzlich im Quadrat zur Entfernung abnimmt, lässt es sich mit der Positionierung des Blitzes zum Objekt und dessen Hintergrund (die jeweiligen Abstände) ebenfalls sehr manipulierend eingreifen.

Da der Blitz generell sehr "hart" ausleuchtet,und vor allem häufigst irgendwo unschön  reflektiert, lohnt es sich zuweilen, auf den Blitz zu verzichten und eine genehmere Stimmung im Bilde zu erzeugen.

Andererseits friert ein Blitz die Bewegung ein und liefert in Kombination mit dem harten Licht meist knackscharfe Bilder...

Vielen Dank für Ihr Interesse,

F.F.Faltenbalg

Werter Herr Faltenbalg

Soweit ich mich erinnern kann wurde das Bild ohne Blitz gemacht (ich fotografiere selten mit Blitz, da mir genau diese "harte" Auslichtung nicht gefällt), bei etwas dunklerem Licht verwende ich deshalb lieber ein Stativ. Das ist zwar auch nicht immer die Lösung, aber Stimmung auf den Bildern ist meist viel schöner.

Ergebenst

Lady Anna

So wurde ich dann womöglich von der Schärfe der Abbildung wie auch den Lichteflexionen an des Käfers kalter Kruste in die Irre geführt, werte Lady.

Stativbenutzer findet mal leider nur allzu selten, Sie jedenfalls wissen, wie man dem geplanten Bildnis qualitativ beikommt.

Mit freundlichstem Grusse,

F.F.Faltenbalg

""..bei etwas dunklerem Licht verwende ich deshalb lieber ein Stativ. Das ist zwar auch nicht immer die Lösung, aber Stimmung auf den Bildern ist meist viel schöner.""

Nun, werte Lady Anna,

es ist, wie immer, das Licht, welches die Stimmung zaubert.

Je natürlicher das Licht...

Da wir hier über Schärfe/Unschärfe reden, führen Sie uns mit Ihrer Aussage ganz nebenbei zu einem tollen Phänomen - der Bewegungsunschärfe.

Die Kamera fest auf dem Stativ, die Blende offen, um wenigstens etwas vom "dunkleren Licht" auf die Platte strömen zu lassen, und die Belichtung auf ein, zwei oder auch mal 10 Sekunden oder eine Stunde eingestellt, erfasst Bewegungen photographisch, und stellt sie auch so dar, oder eliminiert sie vollends.

Läuft Ihnen jemand durchs Bild, wird er leicht verwischt, oder sogar nur als Ahnung, als Geist, dargestellt, und derart lässt es sich vortrefflich experimentieren.

Bei einer Stunde an Belichtung kann eine ganze Armee durchs Bild marschieren, sie wird schlussendlich nicht erfasst von der Platte, und gar nicht im Bild zu sehen sein !

Eine prima Technik, um endlich mal die lästigen Touristen vom Markusplatz zu bannen :-)

Sie kennen die zuckerweichen, watteähnlichen Wasserfallaufnahmen? Langzeitbelichtet (hier die Blende wieder etwas geschlossen, wegen dem vorherrschenden hellen Lichte).

Weiterst zu erwähnen - die Kunst der Kombination von Langzeitbelichtung und noch einem kurzen Blitz, der zum Teil die Bewegung einfriert, aber die Lichtstimmung des natürlichen Lichtes nicht übertüncht.

Als doofes Beispiel fiele mir die abendliche Stimmung des Sonnenunterganges ein, vor dessen Kulisse man Jemanden knapp anblitzt, weil er sonst im Bild "absaufen" würde, nicht genügend Licht abbekäme...

Die geringe Menge des Blitzes entscheidet über die Stimmung im Bild, aber gemessen wird das natürliche Licht, zumindest in der Amateurversion dieser Technik. Hier macht das ggf. sogar die Kamera, wenn gewünscht.

F.F.Faltenbalg

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