Rauchersalon

Forum für Steampunk, Dieselpunk und Neo-Victorian

Verehrte Mitreisende und Freunde,

kürzlich blieb einer lieben Freundin unerwartet ihre Taschenuhr stehen. Das kleine Quarzherz hörte mangels weiteren Vorrates an elektrischem Strom einfach auf zu schlagen. Ich kann mir vorstellen, dass dies für eine Dame von Welt eine sehr ambivalente Situation gewesen sein muß. Einerseits klingt die Ausicht auf zeitlose Schönheit sicher sehr verlockend für das weibliche Geschlecht, andererseits möchte man als Frau sicher auch nicht gänzlich aus der Zeit gefallen sein und immer wissen, was die Stunde geschlagen hat.

Letzteres war während einer Unterhaltung mit der Holden am Fernsprecher deutlich herauszuhören. Da für den Major die Unzufriedenheit der Dame über ihre "unzeitgemäße" Situation fast mit Händen zu greifen war, begann sogleich in der nächsten Sekunde in seinem Kopf das Räderwerk zu laufen, ohne dass noch weitere Energie in jedweder Form hierfür aufgewendet werden mußte.

Für den Offizier folgte eine systematische Analyse der Lage:

A) Frau in unpässlicher Situation

B) Weihnachtsgeschenk noch nicht überreicht

C) Geburtstag der Dame steht an

Empfohlene Vorgehensweise als Freund:

Punkt A) beheben, dabei Synergieeffekte der Punkte B) und C) nutzen.

In konkrete Handlung umgesetzt, entwickelte sich folgender Plan:

Da sich ein quarzbetriebener Chronometer als ungeeignet erwiesen hatte, wurde eine neue mechanisch angetriebene Taschenuhr bestellt, die mit ihrer zarten Skelett-Bauweise ein unverkennbar weibliches Flair und eine gewisse Eleganz ausstrahlt.

Die Uhrenkette ist hier nur provisorisch mit einem Drahtring befestigt

Die Rückseite ist ebenso hübsch anzusehen...

Der Hauptdarsteller war nun da, allerdings einhergehend mit der bangen Frage, wie "frau" dieses Kleinod dekorativ sichtbar bei sich tragen und jederzeit griffbereit haben könnte.

Was böte sich da mehr an, als ein passendes Behältnis aus Leder auf Maß anzufertigen! Man(n) nehme also ein Stück Rinderhaut, in jedem Falle pflanzlich gegerbt (warum, erläutere ich später) und zwar in Stärke 3,5 mm, also handfestes Sattelleder und keinen "Labberkram", wie man in Norddeutschland sagen würde. Stammen sollte es tunlichst vom Rücken oder der Schulter, da diese Qualität sich nur wenig dehnt und sehr formstabil ist. Der Skalp vom Bauch ist aufgrund der Atemtätigkeit des Rindviechs naturgemäß sehr dehnfreudig, damit das Tier zu Lebzeiten nicht nach drei Schritten stehen bleiben muß, um genug Luft zu bekommen. Ferner sollte die Innenseite (Fachbegriff "Fleischseite") möglichst glatt gehobelt sein.

Eine der schönsten und elegantesten Varianten, solch eine Tasche zu bauen, ist das Tiefziehen des nassen Leders in einer eigens hierfür gebauten Form. Aus Abfallholz wird ein Stempel als Platzhalter der Uhr gesägt und sorgfältig glatt und rund geschliffen, ebenso, wie die Matrize...

Zwischen Stempel und Matrize die Materialstärke plus 1 bis 2 mm rundum mit einkalkulieren!

Dann wird das zugerichtete Lederstück in solange in ein heißes Wasserbad getaucht, bis das anfangs deutlich hörbare Zischen (winzige Bläschen entweichen beim Vollsaugen aus der Struktur der Haut) merklich nachlässt.

Jetzt kommt der heikle Teil, der zuweilen ein schweißtreibendes Gewürge werden kann,...zumal bei einer Materialstärke von 3,5 mm! Das nasse Leder zuerst mit Fingern oder dem Kugelende eines Formholzes über den Stempel modellieren. In die später nicht benötigten Randbereiche des Stückes ringsum "Entspannungsschnitte" setzen, die den Vorgang erleichtern. Dann die Matrize über das so vorgeformte Lederteil setzen und Stempel mit der Matrize mittels kräftiger Schraubzwingen allseitig bis zum Anschlag zusammenpressen. In diesem Zustand wird das Ganze belassen, bis das Leder vollkommen durchgetrocknet ist.

Das harte trockene Lederformteil wird nun weiter bearbeitet. Da die hübsche Uhr später noch so weit wie möglich zu sehen sein sollte, wurde mit einem Schneidezirkel zuerst der obere Rand halbkreisförmig und danach auch der Innenteil kreisrund ausgeschnitten. Seitlich wird der obere Halbkreisschnitt mit einem sehr scharfen! Cutter freihand nach Augenmaß fortgeführt. Auf dem Bild ist das bereits eingefärbte Formteil und das Abfallstück im Urzustand zu sehen...

Die Punzierarbeiten wurden vor dem Färben vorgenommen.

Bei guter Planung kommt so ein kleines nettes Projekt mit wenigen Teilen und wenigen Nähten aus. Hier alle verwendeten Lederelemente:

Links oben: Taschen-Rückwand mit bereits eingeschraubter Kopfniete für den Befestigungsriegel.

Links unten: Futter und "Abstandshalter" (für Uhr) der Taschen-Rückwand

Mitte oben (nicht Abfallteil): Formteil Front

Mitte unten: Innenfutter Front

Rechts: Befestigungsriegel

Das Einsetzen eines Futters aus dünnerem Leder ist sinnvoll, weil hierdurch die leicht rauhe Innenseite des Oberleders verdeckt wird und die Uhr so auch leichter in ihr "Zuhause" gleitet.

Das Ende des Befestigungsriegels schaut zur besseren Bedienung vorn unten unter Tasche hervor. Das Ende wird mit einem hierfür aus Messing gebauten Zierbeschlag dekoriert...

in die rückseitige Vertiefung passt der Befestigungsriegel bündig. Das aus Deckblech und Formteil (Laubsägearbeit) weich (auf der Herdplatte ;o)) zusammengelötete Teil wird ringsum sorgfältig verschliffen und poliert und sieht dann von vorne inklusive Nietloch so aus...

Der weitere Zusammenbau der Tasche muß genau durchdacht werden, um alle Stellen zugänglich zu halten, die zwischendurch beispielsweise noch genäht werden müssen.

Vor dem Zusammenbau werden alle Teile sorgfältig mehrmals im gewünschten Ton gefärbt, bis die Farbe tief genug in das Material eingedrungen und der Ton einheitlich genug ist. Wichtig: Dies funktioniert aber richtig gut  nur bei pflanzlich gegerbtem Leder!!!

Zuerst wird der Befestigungsriegel an die Rückseite der Rückwand geklebt...

...und mit einer 2-fädigen Sattlernaht mittels gewachstem Garn vernäht. Die Einstichlöcher werden mit einem 1 mm Bohrer winklig (Bohrständer!) vorgebohrt. Zwischen den Löchern wird auf der Nahtlinie für das Nähgarn mit einem Spezialwerkzeug eine Rille geschnitten, sodass das Garn bündig mit der Oberfläche verläuft und nicht aufträgt. Dies ist hier besonders wichtig, weil auf die bereits mit der Skalpellspitze aufgrauhte Zone nun das Futter der Rückwand geklebt wird...

Beide Teile mit dem Kontaktkleber benetzt beim Ablüften. Nach dem Zusammenpressen werden sie mit einem Gummihammer für eine noch innigere Verbindung festgeklopft. Das Futter der Rückwand verdeckt zugleich nach vorne die Naht des Befestigungsriegels...wenn er richtig platziert wurde..

Es folgt das Fronttformteil...

Nach der Klebung erfolgt wieder die Vorbereitung der Naht mit dem Schnitt der Nahttrille...

..die anschließend vorsichtig mit einem dünnen Aquarellpinsel gut angefeuchtet wird, um die Einstichlöcher mittels Zackenrad zu prägen und anschließend zu bohren...

Möglichst kein Wasser auf die umgebenden Bereiche kommen lassen, da es sonst auf dem noch unversiegelten aber bereits gefärbten Leder unschöne Flecken geben kann!

Es folgt auch hier eine stabile 2-fädige Sattlernaht per Hand...

Die Kanten des Tasche werden teilweise nach dem Zusammenbau, teilweise davor (wenn nach der Montage nicht mehr gut erreichbar) mit einem Spezialhobel auf 45° gefast, mit einer auf Naturkautschuk basierenden Lösung eingestrichen und mit dem Kantenrundungsholz rund modelliert und poliert (sich mehrmals wiederholend, bis das Ergebnis gefällt).

In die gepunzten Verzierungen wird vorsichtig pastöse dunklere Leder-Patina gerieben, um sie hervorzuheben. Den Abschluß bildet schließlich die Versiegelung, in diesem Falle Sattellack aus der Sprühdose.

Man sieht, dass auch ein solch kleines Lederprojekt aufgrund der vielen kleinen Arbeitsschritte und der genauen Planung der Abfolge dieser Schritte doch einiges an Arbeit macht.

Das Ergebnis hat der Beschenkten dann aber auch große Freunde gemacht...

Das schlagende Herz der Uhr ist durch die mittige Öffung wunderbar zu sehen...

Mittels Riegel und Kopfniete auf der Taschenrückseite kann das gute Stück am Gürtel oder der Schlaufe eines Außenkorstetts griffbereit befestigt werden...

Zusammenfassend gesagt: Das Ideale Geschenk für die elegante Frau mit Stil. Sie wissen ja, mit Taschen und Schuhen liegen Sie bei der holden Weiblichkeit immer richtig, wenn ich dies mit einem Augenzwinkern bemerken darf.

Ich hoffe, Sie hatten ein wenig Spaß, mir bei der Beschreibung des Projektes zu folgen.

Es grüßt Sie alle herzlich

Ihr Major von Seeland

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Mein lieber Freund Johann, hochverehrter Ordensbruder,

gar fürtrefflich möchte ich meinen. Zumal ich das Endresultat ja schon begutachten durfte. Was für eine perfekte Arbeit, die den sozusagen lederlichen Laien vor Neid erblassen lassen.

Da ich mich selber schon im Besitz seeländischer Lederkunst erfreuen darf, ist der neid auf dieses Objekt allerdings etwas geschmälert.

Allerbeste Qualität und Arbeit, mein Lieber.

Mit hochachtungsvollen Grüßen aus der Phonepunk-Manufaktur

Werther Herr Major,

vielen herzlichen Dank für die bebilderte Entstehungsgeschichte, macht sie doch Mut sich an solche Dinge zu wagen; Ihre begeisterte verbale Schilderung voller funkelndem Enthusiasmus habe ich noch begeistert im Ohre. Ich selber habe ja auch schon das Privileg geniessen dürfen dieses Schmuckstück bei der von Ihnen beschenkten Dame zu bewundern.

Ein Kunstwerk sonders gleichen!!!

Mit den allervorzüglichsten Grüssen

Ihr Dr. T.v.T.

Mein lieber Freund Telemann,

wissend, welche Qualitätsansprüche Sie haben, freut mich Ihre Rückmeldung besonders. Dankeschön. Wenn ich etwas Selbstgemachtes weggebe, dann nur in gute Hände... ;o)))

Verehrter Dr. von Treene,

ja, in der Tat, in den Dingen, die so in der heimischen Werkstatt entstehen, steckt wahrlich Leidenschaft und Begeisterung für die Sache. Die merkt man mir in solchen Gesprächen auch an...und sie steckt auch an, wie ich an Ihrer Replik sehe ;-))) Das ist doch der schönste Nebeneffekt, den man sich denken kann, nicht wahr?

Mit freundlichem Gruß

Ihr Johann von Seeland

Verehrter Major von Seeland,

da ist Ihnen mal wieder ein Meisterstück gelungen, welches das Herz der Dame mit Sicherheit höher schlagen lassen wird. Wie immer bei Ihren Werken von bestechender Schönheit und mit absoluter Perfektion ausgeführt. Die Glückliche ist mit Sicherheit zu beneiden!

Chapeau!

Verehrter Freund Johann

 

wenn man Ihnen hier zu schaut

bei Ihrem Umgang mit Kuhhaut,

wirkt der Stecknadel-Fall bereits zu laut

weil´s einen schlicht aus dem Schuh haut!

 

Mein Lob passt auf keine Kuhhaut

für den, der so einen Clou baut!

 

Remington

 

 

 

Hochverehrter Major von Seeland,

die wunderbare Dokumentation und das phantastische Ergebnis machen mich sprachlos.

Von Bild zu Bild wurde immer mehr Spannung aufgebaut, die von zahlreichen, "Aaahs", "Ooohs" und "Ach-so-geht-das" von mir begleitet wurde. Diese Vorstellung wird als Lesezeichen in meinem Browser gespeichert, weil mich das einfach umgehauen hat und ich den Bericht als überaus lehrreich empfinde.

Da steckt so viel Liebe im kleinsten Detail drin, dass man wirklich Probleme bekommt, all das in Worte zu fassen, was man sagen möchte.

Mit diesem wunderbaren Geschenk haben Sie nicht nur der Beschenkten eine große Freude bereitet, sondern auch mir als Leser. Herzlichen Dank dafür.

Ihr

G.I. von Heddernheim

Werter Herr Major von Seeland,

ich überlege schon seit längerem mich auch an die Bearbeitung von Leder zu begeben.

Daher möchte ich Ihnen auch meinen Dank aussprechen, für diesen ausführlichen Beitrag.

Besonders hat mir gefallen das Sie die benötigten Werkzeuge und Mittel zur Behandlung und Bearbeitung des Leders erwähnt haben.

Auch wenn jemand dies bestimmt schon einmal hier in irgend einem Beitrag erwähnt hat, würde ich mich über eine Bezugsquelle für gute Werkzeuge und sonstige Produkte für die Lederbearbeitung freuen.

Das würde ihren Beitrag wunderbar für Einsteiger abrunden.

Hochachtungsvoll

ihr

Engineer D.N. Mac Leod I

 

Hochverehrter Major von Seeland, lieber Freund und Ordensbruder!

Ich möchte unserem gemeinsamen Freunde Genius beipflichten, indem auch ich beschämt nach den passenden Worten suche, welche auch nur annähernd in der Lage sind, Ihre perfekte Ausführung und wundervolle Schilderung zu preisen.

Ich ziehe meinen Hut vor diesem, Ihrem Können!

Ihr schwer beeindruckter

Aeon Junophor

Werter Herr Major von Seelan,

meine Hochachtung vor dieser Handwerkskunst.

Viele Grüße aus dem Labor

Werter Major,

eine wundervolle Kreation ist Ihnen gelungen, und vollendet ausgeführt dazu!

So, wie ein Gemälde durch einen passenden Rahmen erst wirklich zur Geltung kommt, haben Sie es verstanden, der Taschenuhr einen passenden und funktionellen Rahmen zu verleihen.

Wunderbar.

Hochachtungsvollst Ihr Eusebius

Mein lieber Freund Johann!

Nun ist doch eingetreten, was ich schon längst befürchtet hatte. Sie haben Ihre Exkurse ins Lederfach doch noch ausgeweitet. Selbiges stand ja bereits seit geraumer Zeit zu befürchten - genauer gesagt seit ich der Ledermappe für unseren verehrten OB Teleman gewahr wurde.

Bislang durfte ich im Schneiderhandwerk neidlos Ihre unerreichbare Meisterschaft anerkennen. Jetzt allerdings zeigen Sie auch noch in dem mir eigenen Fach außerordentliches Können. Das - zusammen mit Ihren bereits mehrfach gezeigten Fähigkeiten in der Metallbearbeitung - macht Sie nun wirklich zu einem echten Tausendsassa!

Beim nächsten Treffen mit der Beschenkten (ich denke zu wissen, um wen es sich dabei handelt) wird diese mir sicherlich mit Freuden das von Ihnen manufaktierte Kleinod zur Ansicht geben.

Chapeau und weiter so, Herr Major!

Ihr Mike Patrick

Werter Herr Major!

Vortreffliche Handwerkskunst haben Sie mit diesem Stücke Leder vollbracht. Dank der präzisen Beschreibung der einzelnen Arbeitsschritte machen Sie den Mechanikern hier Mut einmal andere Materialien als Metalle zu verwenden. Besten Dank für die inspiration vom

Winterberger.

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