Rauchersalon

Forum für Steampunk, Dieselpunk und Neo-Victorian

Dr. Liesegangs Rezeptlein zur Beschichtung von photogr. Platten von 1893

Werte Damen und Herren,

nach der Erfindung der Nassplatte auf Basis von Schiessbaumwolle ( Kollodium) zur unmittelbaren Anwendung können nun auch trockene Platten von grösserer Stückzahl auf Vorrat beschichtet werden.

Greifen Sie hierzu auf des ehrenwerten Dr. Liesegangs erpröbelte Formel zurück, teilweise ergänzt von einem mi nicht bekannten Verfasser :

Herstellung von Bromsilbergelatine-photoplatten

 

Herstellung der Emulsion

10 g weiche Gelatine
55 g harte Gelatine
35 g Kaliumbromid
1 g Kaliumjodid
50 g Silbernitrat



Man löse in 200 ccm kaltem Wasser das Bromkalium (Kaliumbromid) und das Jodkalium (Kaliumjodid), schüttelt, bis die Salze gelöst sind und filtriert die Lösung in einen Glaskolben von 1 Liter Inhalt (Filtrieren ist heute nicht mehr zwingend notwendig) wonach man die weiche Gelatine hinzugibt (Vorschlag: dieselbe Dr. Oetker-Gelatine; die Unterteilung "harte" und "weiche" Gelatine bezieht sich nur auf den Schmelzpunkt). In ein Becherglas gibt man 200 ccm Wasser und das Silbernitrat, in ein anderes 450 ccm Wasser und die harte Gelatine. Nachdem die Gelatine 1 Stunde im kalten Wasser gelegen hat, setzt man die Flasche in ein Gefäß mit warmen Wasser von 35°C und befördert die Lösung durch Umrühren und Schütteln. Von nun ab müssen alle weiteren Operationen im Dunkelzimmer (bei Rotem Lichte) stattfinden. Man gießt die auf 30°C erwärmte Silbernitratlösung langsam in das Kochgefäß und schüttelt letzteres währenddem öfters heftig um . Durch den Zusatz des Silbernitrats ist die Lösung nun milchigweiß geworden, da sich fein verteiltes Bromsilber gebildet hat. In der Durchsicht ist die Emulsion roth. Die Emulsion ist in diesem Zustand sehr wenig empfindlich, ihre höchste Empfindlichkeit erhält sie durch Kochen. Das Kochgefäß wird zu diesem Zweck in siedendes Wasser gestellt und von zehn zu zehn Minuten heftig geschüttelt , damit sich das Bromsilber nicht ausscheidet. Die Zeit der Einwirkung des siedenden Wassers richtet sich nach der Empfindlichkeit... ob dieselbe lange genug fortgesetzt wurde, lässt sich erkennen, wenn man einige Tropfen der Emulsion auf eine Glasplatte tropft und diese bei Licht betrachtet. Anfangs ist die Schicht in der Durchsicht rot, bei weiterem Erhitzen verliert sich diese Färbung und, wenn bei nochmaligem Versuch eine Schicht erzielt wird, die grünlichblau erscheint, hört man auf. Wenn das Kochgefäß mit Emulsion fast vollständig gefüllt ist, braucht man weniger zu kochen, als wenn es nur zum Theil gefüllt ist.

Es wird nun das zweite Becherglas mit der harten Gelatine erwärmt und sobald sich die Gelatine gelöst hat, was man durch Rühren mit dem Glasstab fördert, gießt man den Inhalt zu der Emulsion in die Flasche und schüttelt letztere. Um die Emulsion vom löslichen, salpetersaurem Kali zu befreien, welches sich beim Ausscheiden der Bromsilbergelatine gebildet hat, wäscht man sie mit kaltem Wasser aus. Man gießt sie in eine ziemlich große und gut gereinigte Porzellanschale  mit ebenen Boden und lässt sie einige Stunden ruhig stehen, damit sie erstarrt. Kälte und Luftzug befördern das Erstarren. Sobald sie fest geworden ist, zerteilt man sie mit einem Glasstab  in kleine Stücke und wirft sie auf ein Stück Stramin ... nachdem man die 4 Enden zusammengefasst hat, bringt man den Beutel in ein Gefäß mit kaltem Wasser und presst durch die Maschen die gallertartige Emulsion ins Wasser... Diese "Nudeln" werden nun gewaschen, das Waschwasser öfters gewechselt und danach läßt man die Emulsion trocknen. . Ehe man die Emulsion schmilzt, muss sie ziemlich wasserfrei sein. Das lässt sich leichter erreichen, wenn man nach dem Abtropfen ein wenig Weingeist (Spiritus) darüber gießt, den man abtropfen lässt. Die gut gewaschene Emulsion wird nun in ein Porzellangefäß gebracht, das man auf kochendes Wasser stellt, bis die Masse geschmolzen ist. Sie kann bis 45°C oder 50°C erwärmt werden.

Das Aufbringen der Emulsion auf die Glasplatten

Damit die Emulsion auf der Glasplatte besser hält, muss man sie vorher mit Spiritus reinigen und dann vielleicht noch einen "Unterguss" aus dünner Gelatinelösung aufbringen, diesen ca. 1-2 Tage hart werden lassen und dann erst die Emulsion auftragen. Dann ist die Gefahr, dass sich das Bild beim Entwickeln/Wässern löst, so gut wie gebannt.

Die Emulsion kann dann auf die Platten gebracht werden. Entweder durch Kippen und Schwenken, oder verteilen mit einem feinen, weichen Pinsel. Man kann die Platten zB. auf eine mit einer Wasserwaage genau eben ausgerichtete Warmhalteplatte für Speisen legen und sie auf ca. 30°C erwärmen, damit die Emulsion nicht gleich erstarrt, sondern sich noch gut verteilen lässt.

Trocknen müssen die Platten natürlich waagerecht liegend in Dunkelheit für ca. 8-24 Stunden.

Trockenkiste mit lichtdichten Lüftungslöchern: Man kann dazu eine Aluminiumbox verwenden. Die Lüftungen bestehen aus zwei- bis dreimal gewinkelten Installationsrohren von ca. 5 cm Durchmesser. Eines führt unten in der Box Luft zu, das andere im Deckel die feuchte Luft ab. Auf eines der Lüftungsrohre wird ein kleiner Lüfter, ein CPU-Cooler aus einem alten PC montiert. Diesen 12 V Lüfter kann man mit einem alten Eisenbahntrafo stufenlos regeln. Die Platten trocknen mit dieser Methode viel schneller und gleichmässiger. In der Box werden zehn Bretter mit Abstandshaltern  befestigt, die mit jeweils 1 Stück 18x24, 2 Stück 13x18 oder 4 Stück 9x12-Platten waagerecht in der Trockenbox übereinandergestapelt werden. Dort sind die Platten nach 2-3 Tagen gut durchgetrocknet. Lagern kann man sie kühl und trocken in lichtdichten Packungen für ziemlich lange Zeit, auch über mehrere Monate.

Entwicklung und Fixierung der Photoplatten

Entwickeln kann man die Platten bei Rotlicht mit Papierentwickler, wie z.B. "Tetenal Eukobrom", Stoppbad ist ein einfaches Essigbad und fixiert wird zB. mit "Tetenal Superfix" 1:3, dem man den "Tetenal Härter Liquid" zusetzt. Fixiert werden muss bis das unbelichtete, weiße Bromsilber verschwunden ist. Danach kann das Weißlicht wieder eingeschaltet werden. Zur Härtung empfiehlt Liesegang in seinem Buch Alaun (40g Alaun auf 1 Liter Wasser, darin die Platte für 10 Min. nach der Fixage baden und gut abspülen). Gewässert wird ca. 40 Min. bei fließendem Wasser von ca. 20°C. Danach stellt man die Platten auf ein Stück Küchentuch schräg an die Wand und lässt sie trocknen.

Ergänzende Hinweise

Die Empfindlichkeit liegt bei ca. 2-6 ASA, so daß nur Stativaufnahmen möglich sind. Die genauen Zeiten sollte man für jeden neuen Emulsionsansatz durch Probeaufnahmen ermitteln. Frisch angesetzte Emulsion ist etwas unempfindlicher, daher ruhig 1-2 Wochen bis zum Test warten, dann ist die Emulsion "durchgereift" und verändert sich nicht mehr. Die Platten sind, im Gegensatz zu heutigen panchromatischen Schwarzweiss-Filmen vor allem für blaues Licht empfindlich, weniger für Gelb und Grün, und fast gar nicht für Rot. Übrigens der Hauptgrund, der die Magie alter Bilder ausmacht. Misslungene Platten können mit Heisswasser und einem Plastikspachtel wieder von der Emulsion befreit und aufs neue beschichtet werden. Gelungene Platten können nun stilecht im "Albumin-Photopapier"-Verfahren auskopiert werden. Im Buch von Dr. Liesegang findet man noch viele Tricks und Hinweise. In einem Fall aber muss man Liesegang entschieden widersprechen: Er empfiehlt, die warme Emulsion auf möglichst kühle Platten aufzutragen, was fast immer zur Folge hat, dass die Emulsion zu erstarren anfängt, bevor man sie auf der Platte verteilen kann und ein ungleichmäßiger, ja klumpiger Auftrag entsteht. Daher wärme man immer vor, und schiebe dann die fertig beschichtete Platte möglichst waagerecht und schnell auf die eben austarierte Holzplatten, die man dann übereinandergestapelt in die Trockenbox senken kann, wo man sie dann komplett erstarren lässt. Im Buch ist später bei der Vorstellung der Plattenbeschichtungsmaschine der Fa. Marion aber auch von "vorgewärmten Platten" die Rede. Das ist wohl die bessere Idee."

Verwenden Sie bitte keine metallischen Werkzeuge.

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Antworten auf diese Diskussion

Verehrter Freiherr Faltenbalg,

eine hochinteressante Rezeptur sehr steampankig und händisch hervorragend "nachkochbar".
Mich würde eine aussagekräftige Aufnahme interessieren, natürlich nur wenn's keine Mühe macht.

Sie legten bisher schon viel Herzblut in diese neue Kategorie, ich hoffe das sich das Interesse passend dazu noch einstellt...

Verneigend
Lord Bellentime

Klasse, klasse, klasse!

Das ist wirklich ungalublich gut, was Sie hier präsentieren!

Danke dafür!

Sie kreigen mich noch so weit, dass ich eine Lochkamera baue.

Hochachtungsvoll,

Horatius Steam

Meine verehrten Herren,

und auch die Damen in absentia -

das Lob gebührt  einzig den ehrenwerten Verfassern obigen Pamphletes, wie allgemein den Pionieren vergangener Tage.

Es ist mir heute schleierhaft, wieviel Energie einst ins Erfinden, Tüfteln, Probieren investiert wurde, und dies nicht aus schierer Langeweile, sondern mit dem festen Ziel, ein funktionierendes,  reproduzierbares Ergebnis abzuliefern.

Lesen Sie doch - wie kann man nur auf solche Ideen kommen?

Meines Erachtens ist das ein Quant Irrsinn, ein  Teil Experimentierfreude, aber auch ein gut Teil Wissen um Dinge, die wir uns gar nicht mehr vorstellen können.

Herr Steam,

Die Lochkamera, idealerweise doch gleich mit einem Monokel als Objektif, sie scheint mir alsbald fällig.

Ich stehe für offene Fragen  gern zur Verfügung.

Jedoch würde ich nicht direkt mit gekochten Chemiesuppen, sondern mit Fertigwerk in Form von Film, Planfilm oder Rollfilm, starten.

Am Besten, ich stelle hier dieser Tage einmal ein oder zwei aktuelle Umbauprojekte vor, um Ihrem Wanken womöglich einen Ende zu bereiten :-)

Lord Bellentime,derzeit reicht es nicht für eine eigene, vorzeigbare  Platte; es gibt , für mich, soviel zu tun auf diesem Sektor, und vor der Selbstbeschichtung standen andere photographische/technische Herausforderungen an.

Da ich in inzwischen mit durchaus ansehnlichen Formaten arbeite, bis hin zu 30x40 cm Negativgrösse,  ist  die Erkundung des Röntgenfilmes meine derzeitige Domäne, Beschichtungen und angestrebte Carbontransfers müssen weiter warten.

Ich reiche aber gerne nach, so mir die Zeit gnädig ist, sie will mir nur leider immer entschlüpfen...

Sollte meine Leidenschaft Jemanden mitreissen, wäre das jedenfalls prima, denn es ist wirklich eine ordentliche Menge Dampf in der Dunkelkammer !

Mit lichtempfindlichem Grusse,

F.F.Faltenbalg

Ein, zwei Anmerkungen seien noch erlaubt..

Es ist tatsächlich auch heute noch so, dass zumindest Papier-Emulsionen nachreifen müssen; meines Wissens war einzig Agfa ( hochtechnisiert) in der Lage, frischproduzierte Ware direkt in den Verkauf zu schieben, ansonsten muss eben erst gelagert, dann verkauft werden.

Erstaunlicherweise bestätigt ein Bekannter von mir, der einst in der Photopapierherstellung tätig war, dass auch dort die Regel galt:

Die Emulsion kann nur gut werden, wenn grosse Mengen gekocht werden.

Wirklich erklären kann das "warum" wohl bis heute niemand.

Die angesprochene Sensibilierung der Platten für bestimmte Wellenlängen des Lichtes ist auch heute üblich, wobei die erwähnte Rotunempfindlichkeit als "orthochromatisch" bezeichnet wird.

Na, nicht ganz richtig, aber können wir mal so stehenlassen.

Ein Ortho ist also ( i.d.R.)  unempfindlich für die Farbe rot, so wird z.B. eine geschminkte Lippe vom Film schlicht nicht als Lichtquelle erkannt und folgerichtig schwarz wiedergegeben.

Filme, die mittel bis stark in den roten Bereich sensibilisiert sind, nennt man pan - bis superpanchromatisch; danach fängt der IR-Bereich an, der heute nur noch ansatzweise von photographisch durchaus nutzbaren Luft-und Verkehrsüberwachungsfilmen abgedeckt wird; echte IR-empfindliche Filme gibt es leider nicht mehr.

Die Sensibilisierungen und - lücken kann man wirklich photographisch sinnvoll nutzen, allerdings zum Teil auch per Farbfilter simulieren.

Schwierig an den alten Rezepturen ist neben den heute nicht mehr bekannten Mengenangaben wie Unze, Lot usw. vor allem die Chemikalienbeschaffung.

So ist es heute nicht mehr möglich, Alaun oder Chromalaun zu beziehen; auch das ebenfalls zur Gelatinehärtung verwendete Formaldehyd, von mir als Kind noch in der Drogerie erworben, dürfte inzwischen schwer erhältlich sein.

Die obige Rezeptur ist zwar simpel, der gesamte Vorgang leider etwas komplexer, mit Unwägbarkeiten und Schwankungen in der Qualität.

Wer das Nachkochen scheut, aber dennoch sein Papier oder Glas selbst beschichten möchte, kann auf Fertigprodukte , also konfektionierte Filmemulsion, zurückgreifen.

Aus Kostengründen empfähle ich hier den Ankauf aus dem Hause Fomapan, allerdings direkt in der Tschechei ( die verschicken nix nach Deutschland, sind geknebelt vom hiesigen Handel) oder alternativ online in - Norwegen, tatsächlich .

Freundlichst,

F.F.Faltenbalg

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