Rauchersalon

Forum für Steampunk, Dieselpunk und Neo-Victorian

Werte Mitreisende, 

ich bin gerade dabei eine Hausarbeit über Korsett und Reformkleid bzw. Mode im späten 19. Jahrhundert zu schreiben und dachte mir, vielleicht hat hier jemand schon einmal in dieser Richtung "geforscht" und kann mir zumindest Tipps zu Literatur und Quellen geben (man selber findet ja leider immer nur einen Bruchteil an Material darüber... oder zumindest ich).

Im Groben geht es mir in dieser Arbeit besonders um die Gesundheitsgefährdung von Korsett und diesen schweren, unpraktischen und langen Röcken, die immer schmutzig werden. Und die Kritik die daran geübt wurde und natürlich auch diverse Lösungsvorschläge der Zeit, sprich unter anderem dem Reformkleid. 

Da ich diese Hausarbeit für den Lehrstuhl der "Bayerisch und Schwäbischen Landesgeschichte" zu schreiben ist, wäre es von Vorteil, wenn Sie mich auf Literatur und Quellen aus dem deutschsprachigem Raum aufmerksam machen könnten, allerdings muss ich mich nicht explizit nur auf diesen Kulturraum beschränken und kann wohl durchaus auch diverses aus dem Königreich Victorias mit einbringen. 

Auch würde es mich interessieren, was Sie dazu zu sagen haben? Finden Sie das Korsett auch so unerträglich, wie einige Frauen der Zeit, und was ist mit den Röcken? 

Auf Ihre Antwort und Mithilfe bedanke ich mich jetzt schon.

Ihre 
Lady R. 

Tags: 19., Jahrhundert, Korsettdiskussion, Mode, Reformkleid, im

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Guten Morgen sehr geehrte Lady R.,

als Mann kann ich natürlich nur aus meiner eingeschränkten Sicht berichten.

In jüngeren Jahren habe ich, besonders auf Festivals, ein Herrenkorsett getragen und fand es durchaus angenehm. Besonders das lange Stehen wurde dadurch sehr erleichtert. Sitzen war eine Katastrophe, da ging nur Barhocker oder Tischkante.

Zum Thema Röcke, da war und ist das Tragen eines Herrenrockes sehr angenehm, allerdings sind das eher die heutigen, leichteren Varianten aus modernen Stoffen.

Der Festrock, lang und aus etwas schwererem Stoff (zum Smoking getragen) konnte schon etwas unbequem werden. Treppensteigen ist wirklich unsäglich, da man sich ständig auf den Saum tritt.

Evtl. hilft Ihnen das ein wenig weiter.

Hochachtungsvoll,

Horatius Steam

Sehr geehrte Lady R.,

ich habe früher das dicke Buch mit zahlreichen Illustrationen verschlungen "Frauenleben im 19.Jahrhundert" von Ingeborg Weber-Kellermann.

Zum Thema Korsett weiß ich, dass reichere Damen insgesamt extremer eingeschnürt waren, ärmere nicht, da sie arbeiten mussten.

Ich persönlich finde Korsetts/Corsagen unbequem. Bei den so beliebten Picknicks kann man eigentlich in kaum einer Stellung bequem sitzen (außer auf Knien), das Aufstehen vom Rasen mit langen Röcken und eingeschnürt ist ohne Peinlichkeiten ein Kunststück,  Schuhe usw. muss man sich tunlichst vorher anziehen, denn mit Schnürung kommt man schwer nach unten, da man den Oberkörper nicht mehr recht biegen kann. Autofahren: sehr unangenehm, man muss die Rückenlehne viel weiter nach hinten stellen als sonst. Selbst fahren: sehr unschön.

Die Optik und der Sitz der Kleidung verbessert sich natürlich enorm!

Insgesamt gesehen: vielen Dank liebe Frauen von damals, die sich dagegen gewehrt haben! Recht so!

Gutes Gelingen wünscht

Viktoria v. Vogelsberg

Werte Lady R.

Leider kann ich Ihnen keine Hinweise auf entsprechende Literatur geben, da ich mich selber noch kaum damit befasst habe.

Was das Tragen von Corsagen und Korsettes in der heutigen Zeit anbelangt kann ich die Aussagen von Frl. von Vogelsberg um meine eigenen Erfahrungen erweitern.

Zuerst möchte ich aber Frau von Hrabnaz zitieren:

"ich möchte Sie bitten, den Unterschied zwischen Corsage, welche nur zur Zierde der Taille angedacht ist und Korsett, welches zur Reduktion der Selbigen gedacht ist zu beachten.

Eine Corsage ist eventuelle mit Stäbchen ausgestattet, wahrscheinlicherweise aus einem Produkt der Erdölverarbeitung.

Ein gutes Korsett sollte Walbein (oder in Ermangelung desselben) als adequaten Ersatz Stahl in ausreichnender Menge enthalten um einen guten Halt zu geben.

Ein gut passendes Korsett ist angenehm zu tragen, macht keine Beklemmungsgefühle und lässt auch die Kehrseite nicht einschlafen."

Hier im Salon zu finden KLICK

So gesehen ist das was ich trage wohl eindeutig als Corsage zur Zierde einzuordnen. Zwar durchaus mit Spiralstäben aus Metall aber nur so fest geschnürt, dass sie eng anliegen (etwa zu vergleichen mit einem Dirndeloberteil, dass auch satt anliegen muss) aber nicht einschnüren. Damit ist meine Bewegungsfreiheit in keinster Weise eingeschränkt und es bereitet mir auch keinerlei Unannehmlichkeiten.

Das Korsett das früher zur Formgebung der Figur unter der Kleidung getragen wurde ist daher sicherlich nicht mit dem vergleichbar, was einige von uns heute (gerade beim Steampunk) als modisches Accesoir tragen, obwohl (wie ich an den Aussagen von Frl. Vogelsberg sehe) auch das andere der Fall ist. 

Viel Glück bei der weiteren Recherche.

Ergebenst

Lady Anna

Vielen Dank für die bisherigen Antworten. 

Es ist doch interessant zu hören, wie andere dieses Thema bzgl Korsett / Korsettdiskussion sehen. Auch wenn ich mich jetzt ja speziell auf das späte 19. bzw. frühe 20. Jahrhundert (zumindest für diese Arbeit) zu beschränken habe. 

Vielen Dank noch einmal für Ihre Kommentare. :)

Liebe Lady R,

mit deutschsprachiger Literatur kann ich leider nicht dienen, aber da sich das Korsett ja nicht besonders stark regional unterschied, helfen vielleicht folgende Bücher dennoch weiter:

  • Valerie Steele: The Corset. A Cultural History (passt ja eigentlich perfekt zu Ihrem Thema mit seinem kulturgeschichtlichen Ansatz, auch wenn es zeitlich weit gefasst ist. Die Autorin geht auf medizinische Aspekte ein, ohne zu pauschalisieren.)
  • Jill Salen: Corsets. Historical Patterns & Techniques
  • Nora Waugh: Corsets and Crinolines (mit Quellenabdrucken)

Vielleicht sind sie ja zumindest über die Fernleihe zu bekommen.

Ich weiß nicht, an welchem Punkt Ihres Studiums Sie sich befinden, aber ich hoffe, dass Sie sich nicht von methodisch überaus unsauberen populärwissenschaftlichen Artikeln und Horrorgeschichten irreführen lassen.

Da ich mich nie wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt habe (irgendwie bot es sich nie an... schade eigentlich), habe ich keine Literaturliste, aber als Einstieg in eine Beschäftigung mit dem Thema eignet sich vielleicht dies:

http://www.collectorsweekly.com/articles/everything-you-know-about-... (von Valerie Steele, die Direktorin und chief curator im Museum des Fashion Institute of Technology ist - der Artikel selbst genügt natürlich keinen wissenschaftlichen Standards, greift aber Inhalte ihres oben genannten Buchs auf)

Vermutlich habe ich durch mein Interesse für Kostümgeschichte einen anderen Ansatz als die meisten korsetttragenden Steampunks und daher auch andere Erfahrungen. Mein Korsett ist selbstgenäht, nach historischem Vorbild, aber auf meine Figur angepasst (was die Korsetts in der von Ihnen betrachteten Zeit in den allermeisten Fällen nicht waren, aber die Auswahl an Korsetts von der Stange war unendlich viel größer).

Verstärkt ist es mit Spiralfedern und Flachstahl. Es ist ungemein bequem und stützt alles, was gestützt werden soll (mein Rücken dankt). Meine Taille wird nicht nennenswert reduziert (genau wie bei den allermeisten Frauen der Ursprungszeit), aber durch die Umverteilung wirke ich schlanker und die Kleidung hat eine gute Grundlage - übrigens möchte ich nicht Tournüre, ein-zwei Unterröcke, Rock und Rockdrapierung ohne Korsett drunter tragen. Das schneidet sonst nämlich tüchtig in die Taille ein, das Korsett verteilt das Gewicht der Röcke.


Dieser Artikel fasst das Ganze besser zusammen, als ich es hier könnte: 

https://thepragmaticcostumer.wordpress.com/2012/09/17/with-and-with...

Darin wird auch ein Artikel aus dem New York Medical Journal von 1887 zitiert - sehr interessant.

Vor kurzem wurde in einer deutschen Fernsehshow eine Burleske-Künstlerin im Korsett in einen MRT gesteckt:

(davor ist eine Einleitung, ab 45 min fängt das Experiment an)

Das einzig Unangenehme im Korsett sind für mich die Auswirkungen kohlensäurehaltiger Getränke (Aufstoßen im Korsett ist nicht nur undamenhaft, sondern auch etwas unbequem, finde ich), daher trinke ich vorzugsweise keine. Schuhe vorher anziehen, wie Frau von Vogelsberg sagte, ist schon eine gute Idee und auch Autositze sind nicht für Korsetts gebaut, aber das sind Komfortfragen moderner Frauen (zumal solche Autositze ja eh kein Problem waren). 

Zum Thema Röcke: Wie ein schmutziger Rocksaum die Gesundheit beeinflussen soll, ist mir schleierhaft. Das klingt nach Miasma-Theorie und Ähnlichem. 
Die Röcke sind ohne Frage schwerer als unsere heutige Kleidung und in vollgestellten Räumen kann man aus Unachtsamkeit durchaus mal etwas umreißen. Die Länge sollten Sie etwas differenzierter betrachten - Tagesröcke waren meist gar nicht so unendlich lang. 

Fürs frühe 20. Jahrhundert können Sie hier Fotografien von den Straßen Londons sehen:

https://rbkclocalstudies.wordpress.com/2012/03/29/STREET-STYLE-1906...
Allgemein empfehle ich Ihnen, sich Fotografien durchschnittlicher Menschen anzusehen. Die Modekupfer und Zeitungsreklamen waren damals in etwa so aussagekräftig wie heute. (Auch Fotografien von fortschrittlichen Frauen - die meisten trugen nämlich Korsett. Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg hat beispielsweise ein entzückendes, für ein Korsett geschnittenes Kleid in den Symbolfarben grün, violett und weiß in seiner Sammlung, das einer hiesigen Frauenrechtlerin gehörte)

Viel Erfolg bei Ihrer Hausarbeit!

Mit den besten Grüßen

Luiselotte Degenwaldt

zumindest beim Schnitmuster Lieferanten http://www.neheleniapatterns.com/ wird ein gehäkeltes Reformleibchen (unter Gründerzeit gucken) gezeigt und unter späte Tournüre Reform-Teekleider. So wie ich das verstehe, waren das eher Kleider, die man im Hause trug, aber nicht auf der Straße. Röcke hatten oft auch Gehlänge, für sportliche Aktivitäten und z.B. Jagdausflüge waren die teilweise nur Midi lang. Wie oben schon angemerkt wurde, dürfte die arbeitende Frau, auch weniger einschnürende Korsett getragen haben, denn die mussten sich ja bewegen können.

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